Der Zirkelstein
Stein der Reisen

Der Zirkelstein, das ostdeutsche Pendant des Monument Valley, ziert nicht nur Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“. Er zeugt auch von einer Geschichte zwischen Romantik und rechts - denn das idyllische Örtchen Reinhardtsdorf-Schöna ist eine Hochburg der NPD. Jetzt steht der berühmte Felsen zum Verkauf.

Maler waren die Hippies des 18. Jahrhunderts. Adrian Zingg und Anton Graff entdeckten 1766 die wilde Schönheit des Elbsandsteingebirges. Und da die beiden aus der Schweiz kamen, war es nicht weiter verwunderlich, dass aus den Felsen und Hügeln die „Sächsische Schweiz“ wurde. Weitere Künstler kamen in die Gegend. Karl Blechen, Carl Gustav Carus, Ludwig Richter. Und natürlich Caspar David Friedrich.

So wie heute Geschichten von einsamen Stränden unter Travellern herumerzählt (und in Zeiten der Digitalkameras auf Displays herumgezeigt) werden, verbreitete sich das Idealbild der Sächsischen Schweiz per Malerei und Zeichnung. Touristen entdeckten das Elbsandsteingebirge und seine monolithische Schönheit, selbst blaublütige Besucher kamen. So geht die Legende, dass Friedrich August II., als einfacher Wandersmann verkleidet, auf den Zirkelstein gestiegen sein soll. Der Zirkelstein ist ein wuchtiger Felsen, eine ostdeutsche Variante des Monument Valley. Der Gutsbesitzer Johann Gottlob Füssel ließ einige hundert Stufen schlagen und ein paar Holzleitern aufstellen, damit Wanderer auf den 385 Meter hohen Felsen steigen konnten. Auf dem Gipfel errichtete er eine einfache Holzhütte. Nach seinem Tod bediente dort seine Witwe Christiane Füssel weiter, die alle Welt wegen ihrer leutselige Art nur „Zirkelsteinmutter“ nannte. Sie soll auch Friedrich August nachhaltig beeindruckt haben. Als sie 1898 starb, wurde der Felsen unter den Nachfahren der Füssels weitervererbt.

Bei Wanderern war der Ort so beliebt, dass zwischen 1912 und 1914 ein Naturfreundehaus am Fuß des Felsens errichtet wurde – eines der ersten in Deutschland. Später wurde es von den Nationalsozialisten besetzt, dann in der DDR als „Jugendherberge Hans Dankner“ weitergeführt. Heute firmiert es wieder unter Naturfreundehaus. Die Gipfelhütte hingegen steht nicht mehr, 1920 zerstörte ein Blitzeinschlag die einfache Unterkunft. Seither ragt der Felsen unbewirtschaftet und von der Geschichte unbeeindruckt in die Landschaft. Die Stufen hinauf gibt es immer noch. Und obwohl der wachturmartige Felsen in Privatbesitz ist, bleibt er der Öffentlichkeit zugänglich. Die Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna kümmert sich um die Instandhaltung des Aufstiegs.

Von Schöna, einem hübschen Örtchen, führt der Caspar-David-Friedrich-Weg zum Zirkelstein, den der Maler auch im „Wanderer über dem Nebelmeer“ verewigte. Eine Idylle, die aber ihre Abgründe zu haben scheint. Ganz wie die Idylle Schönas. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung hatte im vergangenen September die Fachwerkhäuschen des pittoresken Dorfs auf den Titel gehoben, garniert mit der Schlagzeile: „Hier wohnt der Hass.“ Weil Reinhardtsdorf-Schöna eine Hochburg der NPD ist. 2004 wählte bei der Landtagswahl nahezu jeder Vierte die NPD, bei der Bundestagswahl 2005 kamen die Rechten noch über 16 Prozent. Da kann einem die idyllische Heimat schnell überdrüssig werden. Nur, was tut man, wenn man mit einem Felsen verwurzelt ist in einer Heimat, die eben beides ist: ein Vorbild der Romantik und ein Sinnbild der dunklen Seiten der Wiedervereinigung?

Familie Zimmermann, Nachfahren der Füssels, wollen den Zirkelstein jedenfalls los sein. Allerdings nicht, weil sie beabsichtigen, wie so viele andere, wegzuziehen. Sie wissen schlicht nichts mit dem Monolithen auf ihrem Land anzufangen: „Wir sind der Auffassung , dass so etwas eigentlich in öffentliches Eigentum gehört“, sagt Frank Zimmermann, aber „das Land Sachsen hat auf mehrere unserer Anfragen und Angebote, wenn überhaupt, nur Desinteresse bekundet“. Deshalb suchen sie jetzt vermögende Käufer aus der ganzen Welt. Bei Vladi Private Islands, einem Hamburger Makler, der sich auf Inseln für Superreiche spezialisiert hat, ist der Felsen inseriert.

Vielleicht findet sich ja auf diesem Wege ein Romantiker – oder ein Caspar-David-Friedrich-Sammler im Schlage eines Christian Dräger –, der sich ein Stück markante Kulturlandschaft leisten möchte.

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