Design
Eine Vase wird Skulptur

Der Silberschmied Werner Bünck sucht nach der idealen Form und überschreitet dabei die Grenzen seines Berufs. Aus Gefäßen macht er geheimnisvolle Objekte. Zu besichtigen ist sein Lebenswerk im Leipziger Grassi Museum für Angewandte Kunst.
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Leipzig„Ich bin nie zufrieden.“ Als Werner Bünck, einer der renommiertesten Silberschmiede und Designer hierzulande, diesen Satz sagt, will er so gar nicht zu dem umfangreichen Werk passen, das das Leipziger Grassi Museum für Angewandte Kunst derzeit in einer großen Retrospektive zeigt. Jedes einzelne der 250 ausgestellten Objekte vom Gefäß bis zur abstrakten Arbeit ist schlicht formvollendet, und alle sind sie von einer starken plastischen Präsenz.

Bünck, Jahrgang 1943, hat schon früh begonnen, die Grenzen seines Berufs als Silberschmied auszudehnen und zu überschreiten und den Formenkanon bis zur Abstraktion zu erweitern. Nur so ist die große Vielfalt seiner Arbeit zu verstehen. Er sieht sich eben auch als Künstler. Als solcher nutzt er die wichtigen Kenntnisse über Material und Verarbeitungstechniken aus seiner handwerklichen Ausbildung für die Herstellung der von der Machart her makellosen Objekte. Die Unzufriedenheit ist hier Voraussetzung der künstlerischen Arbeit: Das Ideal ist der Ansporn dafür, sich auf den Prozess der Herstellung einer Skulptur – die auch eine Kanne sein kann – einzulassen. Doch ist ein Stück fertig, zeigt es trotz aller Qualitäten, dass es eines nicht ist: ein Ideal. Also auf ein Neues!

Tradition der Klassischen Moderne

„Metall. Keramik. Stein.“ ist die Schau in Leipzig betitelt. Suggerieren die Punkte hinter den drei wesentlichen Werkstoffen etwas Abgeschlossenes, so ist doch die Auseinandersetzung mit ihnen noch im vollen Gange. Bünck, der 1960 bis 1963 eine Gold- und Silberschmiedelehre in Köln gemacht und später auch einige Jahre als Designer in der Glasindustrie gearbeitet hatte, steht mit seinem Streben, etwas Neues hervorzubringen, in der Tradition der klassischen Moderne. Postmoderne Spielerein sind seine Sache nicht.

Seine plastischen Arbeiten gehen zunächst aus vom Gefäß, dringen aber von Anfang an in eine skulpturale Dimension vor. Viele der ausgestellten Objekte sind Gebrauchsgegenstände wie Kannen, Becher, Vasen, Schalen, deren Funktion oft aber nicht sofort offensichtlich ist. Eine Teekanne aus Silber und Eisen aus dem Jahr 1985 etwa beansprucht Aufmerksamkeit zunächst als ein geheimnisvolles Objekt, bevor der Betrachter versteht, dass ihm auch eine Funktion eigen ist. Und sobald dieser Status verstanden ist, möchte man es in die Hand nehmen und das tun, wofür es gemacht wurde.

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