Deutsche Guggenheim
Übersetzen ist ein schöpferischer Prozess

Was Übersetzungen aus Texten machen, ist das Thema der letzten Ausstellung in der Deutschen Guggenheim Berlin. Unser Autor Johannes Wendland hat sie sich angesehen und kommt zu dem Schluss: Selten hat eine Schau an diesem Ort so viele interessante Fragen aufgeworfen und zum Weiterdenken angeregt.
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BerlinEnde Januar wurde in der Deutschen Guggenheim Berlin noch die jüngste Sonderausstellung „Found in Translation“ eröffnet und alles sah nach „Business-as-usual“ aus. Doch diese Woche haben die Guggenheim Foundation und die Deutsche Bank das Aus der gemeinsam betriebenen Kunsthalle zum Jahresende verkündet. Nach 14 Jahren und mehr als 50 Ausstellungen wird der Betrieb in der kleinen, aber feinen Halle Unter den Linden eingestellt. Künftig soll der Ort zu einem Forum für Wirtschaft, Politik und Kultur umgenutzt werden, heißt es seitens der Deutschen Bank. Doch der Preis ist hoch. Zuletzt waren die Ausstellungen nicht zuletzt dank der großzügigen Öffnungszeiten (täglich von 10 bis 20 Uhr, auch montags) und des reichhaltigen Begleitprogramms mit Führungen, Lunch-Lectures und Kinderprogrammen durchweg gut besucht und dadurch auch ein hervorragender Werbeträger.

Grenzüberschreitende Verständigungsversuche

Und das Publikum goutierte auch anspruchsvollere Projekte mit junger zeitgenössischer Kunst, wie die aktuelle Ausstellung „Found in Translation“, für die der New Yorker Guggenheim-Kurator Nat Trotman Arbeiten von neun jüngeren Künstlerinnen und Künstlern versammelt hat, bei denen es um Übersetzungsvorgänge im weitesten Sinne geht. In der globalisierten Welt von heute spielen Verständigungsversuche und Missverständnisse über nationale und kontinentale Grenzen hinweg eine immer größere Rolle. Anders als im Spielfilm „Lost in Translation“ von Sofia Coppola, wo sich junge US-Amerikaner in der unverständlichen, hermetischen Umgebung Tokios zu verlieren scheinen, möchte die Guggenheim-Schau aber auch die produktiven Seiten dieser Verständigungsversuche zeigen: „Found in Translation“. Manchmal sind sie beabsichtigt, häufig aber unbeabsichtigt.

Etwa in der Filminstallation „The Product Love“ (2009) von Patty Chang, einer in San Francisco geborenen, chinesischstämmigen Künstlerin. Drei englischsprachige Übersetzer versuchen sich an einem Artikel des deutschen Philosophen Walter Benjamin über den chinesisch-amerikanischen Stummfilmstar Anna May Wong. Satz für Satz durchpflügen sie den dichten, schwer verständlichen Text. Ganz unterschiedlich gehen sie vor, je nach Temperament. Einer sitzt mit gespitzter Lippe vor dem Text, liest sehr genau einen Satz, überlegt, und spricht nach kurzer Zeit eine druckreife Version auf Englisch in die Kamera. Eine jüngere Frau muss hingegen kämpfen, bastelt Satzteil an Satzteil, unterstützt ihre Worte gestenreich mit der Hand, muss aber immer wieder Formulierungen zurücknehmen und neu sprechen, bis sie sich zum vermeintlichen Sinn des Textes vorgearbeitet hat. Die dritte Übersetzerin, vermutlich eine Hongkong-Chinesin, konzentriert sich sehr, um so wenige Fehler wie möglich zu machen. An manchen Stellen des Textes, bei deren Lektüre so mancher Deutscher kapitulieren würde, kommt sie aber ganz offensichtlich an ihre Grenzen. Sie ist sichtlich unglücklich.

So entstehen drei recht unterschiedliche Versionen. Sichtbar wird, wie stark sich Übersetzungen voneinander unterscheiden und wie hoch der subjektive Anteil ist. Das Vorwissen der Übersetzer, ihre kulturelle Prägung, ihre Sozialisation, ja sogar ihre individuelle Mentalität spielen in den Akt des Übersetzens hinein und bestimmen das Ergebnis mit.

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