Deutsche Kolonien
Koloniales Zuschussgeschäft

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde Deutschland von seiner längst vergessen geglaubten Kolonialvergangenheit eingeholt: Vertreter der Hereros aus Namibia reichten Entschädigungsklagen für den an ihren Vorfahren begangenen Genozid ein. 1904 hatten Truppen des kaiserlichen Deutschlands den so genannten "Hottentotten-Aufstand" blutig niedergeschlagen. Drei Viertel der damals knapp 80 000 Hereros sowie 20 000 Nama kamen dabei um.

HB DÜSSELDORF. Das deutsche Kolonialreich existierte nur für kurze Zeit. Erst 1884 kam Deutschland in den Besitz von Gebieten in Afrika, Asien und im Pazifik - nach dem Ersten Weltkrieg war man sie schon wieder los.

Kein Wunder also, dass die deutsche Kolonialgeschichte im historischen Bewusstsein hier zu Lande eine eher beiläufige Rolle einnimmt, schreiben Gisela Graichen und Horst Gründer. Die beiden Autoren des Buchs "Deutsche Kolonien" wollen dies ändern. Sie unternehmen den Versuch einer Bestandsaufnahme deutscher Kolonialträume und deutscher Kolonialrealität.

Während der Lektüre wird eines deutlich: Bescheidenheit gehörte nicht gerade zu den hervorstechenden Eigenschaften bei den Vordenkern eines deutschen Kolonialreichs. Da ist viel die Rede von einem "deutschen Indien" in Afrika, von einem riesigen Territorium in der Mitte des Kontinents, das wie Indien für Großbritannien einmal das "Kronjuwel" des Wilhelminischen Reichs werden sollte. Auch galten Besitzungen in Übersee als Lösung für das Problem der Überbevölkerung und als Möglichkeit, neue Absatzmärkte und Rohstoffquellen für das Reich zu erschließen.

Doch wie so oft sah die Wirklichkeit anders aus: Der deutsche Kolonialexport machte 1913 nur knapp 0,6 Prozent des gesamten Außenhandelsvolumens aus, schreiben die Autoren. Und nur wenige tausend Deutsche fanden die Überseeterritorien attraktiv genug, um sich dort niederzulassen. Das ganze Projekt war ökonomisch betrachtet ein Zuschussgeschäft.

"Deutsche Kolonien" ist ein reichhaltig bebilderter Überblick über knapp vier Jahrzehnte Kolonialgeschichte, der gewiss das Interesse am Thema weckt - mehr aber auch nicht. Zwar wird erwähnt, welche Persönlichkeiten, Ministerien und Instanzen sich für die Kolonialpolitik verantwortlich zeigten. Ebenso werden die gesellschaftlichen Gruppen genannt, die in Deutschland als Lobby für ein ausgedehntes Imperium in Übersee auftraten. Doch zum besseren Verständnis wäre ein kurzer Vergleich der deutschen Herrschaft mit dem Vorgehen anderer Kolonialmächte durchaus angebracht gewesen. Zahlreiche Redundanzen sowie die überstrapazierte Metapher von der "Politik der verbrannten Erde" schmälern zudem den Gesamteindruck.

GISELA GRAICHEN/ HORST GRÜNDER Deutsche Kolonien - Traum und Trauma Ullstein Verlag, Berlin 2005, 480 Seiten, 22 Euro

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