Deutsche Mythen
Vom schlafenden Kaiser zur Wirtschaftswunder-Ikone Käfer

Mythen sind für politische Gemeinschaften unerlässlich: Doch während die meisten Nationen stolz auf ihre Gründungsmythen blicken, sind deutsche Mythen nach 1945 zumeist negativ besetzt. Herfried Münkler untersucht in seinem neuen Buch die Deutschen und ihre Mythen – seine historische Analyse ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

DÜSSELDORF. Die Franzosen haben den Sturm auf die Bastille und die Revolution, die Amerikaner den Unabhängigkeitskrieg – politische Mythen mit der richtigen Mischung von Emotionen und nationaler Identifikation. Die Deutschen können da nicht mithalten, im Gegenteil, alte deutsche Mythen wie die Barbarossa-Legende, die Nibelungen-Saga und auch der Preußenmythos waren nach dem Zweiten Weltkrieg wie aus der Zeit gefallen und eher mit negativen Gefühlen verbunden. Die Bonner Republik funktionierte als nüchterne Verwaltung, aber ohne politische Emotionen. Doch das Bedürfnis nach „mythischer Narration und symbolischer Repräsentation von Politik und Staat“, wie Herfried Münkler formuliert, musste gestillt werden: Es schlug die Geburtsstunde des wirtschaftlichen Gründungsmythos mit der Geschichte vom individuellen Wohlstand und dessen Zurschaustellung, des Mythos von Währungsreform und Wirtschaftswunder. Ikonen der Bundesrepublik wurden Ludwig Erhard, der Käfer und das „Wunder von Bern.“

Auf mehr als 600 Seiten hat Münkler, Politikwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und Handelsblatt-Kolumnist, „Die Deutschen und ihre Mythen“ analysiert. Eine äußerst anregende Lektüre, denn stilistisch eleganter und spannender schreibt kein deutscher Wissenschaftler, das können sonst nur angelsächsische Historiker.

Münkler startet mit der Feststellung, dass Mythen zur Ausgestaltung eines kollektiven Gedächtnisses beitragen und dieses für die Identität politischer Gemeinschaften von zentraler Bedeutung ist. Das funktionierte bis zur Zäsur 1945 auch in Deutschland ganz gut, zeigt Münkler in einem großen historischen Bogen auf, der vom schlafenden Kaiser, der im Kyffhäuser sitzt, bis zu den Preußen reicht. Doch warum wurde der 9.November 1989 nicht zum neuen politischen Mythos der Deutschen, obwohl alle Ingredienzien vorhanden waren? Münklers Antwort, mit der für ihn typischen subtilen Ironie formuliert, gehört zu den besten Stellen des Buches: das Datum passte nicht, weil es zu viel andere unerwünschte Erinnerungen wachrief, und auch nicht der „politisch-geographische Raum“, denn die friedliche Revolution spielte sich auf DDR-Territorium ab, „die westdeutsche Bevölkerung war ... bloß Zuschauer eines Geschehens, zu dem sie nichts beitragen konnte“. Schließlich wurde der 3. Oktober zum Staatsfeiertag. Das Defizit an politischen Gründungsmythen bleibt bestehen, so Münklers Fazit, und wurde auch durch Stimmungskampagnen wie „Du bist Deutschland“ nicht ausgefüllt. Doch kann die Politik darauf verzichten? Nach „Machiavelli“, „Die neuen Kriege“ und „Imperien“ hat Münkler ein neues Standardwerk geschaffen. Es ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

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