Deutsche Wörter schmücken Amerikaner
„Rumsfeld isn't a mensch“

Während hierzulande Sprachpfleger das „Denglisch“ und den Einfluss der anglo-amerikanischen Sprache beklagen, fangen nun die Amerikaner selbst mit dem babylonischen Sprachen-Mischmasch an. Mit deutschen Wörtern geben sie sich und ihrer Rede ein kosmopolitsches Flair.

HB NEW YORK. Wer als Deutscher neu in die USA kommt, wundert sich oft, dass er Wörtern wie „Strudel“, „Schadenfreude“ oder „Gesundheit!“ begegnet. Viele Amerikaner finden deutsche Lehnwörter „wunderbar“, vor allem „Bildungsbürger“ (ebenfalls ein Import aus Old Germany). Der eine oder andere versucht sich gar an Zungenbrechern wie „Lumpenproletariat“ oder „Sturm-und-Drang-Zeit“. „Viele benutzen diese Wörter, um sich ein kosmopolitisches Flair zu geben“, sagt die Germanistin und Amerikanistin Ulrike Wagner aus New York.

Man muss nur darauf achten, dann sieht man überall deutsche Wörter. „Gotti Blitz“ titelt die Boulevardzeitung „New York Post“ und meint damit eine Razzia bei einer Mafiafamilie. Gleich neben dem Zeitungsstand gibt es „Pretzel“ (Brezel) im „Deli“ an der Ecke, abgeleitet von dem deutschen Wort Delikatessen. Im Fernsehen hört man einen Politiker sagen: „There are no verbotens with me!“ Womit er klar macht: Bei ihm gibt es keine Tabu-Fragen. Das Präfix „über“ hat es den Amerikanern zurzeit besonders angetan. Schüler mit zu schweren Tornistern zum Beispiel sind „Überpackers“, und mit „Überkitsch“ könnte man die lebensgroßen Krippen bezeichnen, die sich viele Amerikaner zur Weihnachtszeit in den Vorgarten stellen.

Manchmal wirkt das deutsche Wortgeklingel geradezu übertrieben. Die „New York Times“ überschrieb eine Buchrezension neulich mit: „Marathon Mensch - An angst-ridden man encounters his doppelgänger.“ Auf der Meinungsseite stellt ein Kommentator derweil die These auf: „Donald Rumsfeld isn't a mensch.“ In der ganzen Regierung Bush klaffe ein riesiges „Mensch Gap“. Was er damit meint, erklärt er so: „Wörtlich übersetzt ist ein „Mensch“ eine Person. Aber impliziert ist, dass ein Mensch eine Person mit Rückgrat ist, die für ihre Handlungen die Verantwortung übernimmt.“ Manchen deutschen Wörtern haben die Amerikaner einen ganz neuen Sinn gegeben oder mit anderen Vokabeln zusammengesetzt. Schon mal von einem „Jägerdude“ gehört? Das ist jemand, der wilde Partys feiert und dabei so trinkfest ist, dass er sich einen Jägermeister nach dem anderen genehmigt.

Viele dieser Wörter sollen erst in den letzten Jahren richtig populär geworden sein. Im Vergleich zu den Briten haben Amerikaner keine so ausgeprägte Schwäche für Wörter, die geeignet sind, den deutschen Botschafter in Rage zu bringen („Achtung!“, „Panzer“). Viele verweisen im Gegenteil auf die stolze Tradition der Dichter und Denker: „Weltanschauung“, „Bildungsroman“ und „Leitmotif“ mit „f“ werden in der „New York Times“ ständig verwendet. „Where's the Fingerspitzengefuhl?“ titelt das Weltblatt - und an anderer Stelle heißt es: „The zeitgeist is right now.“ „Vieles lässt sich eben einfach nicht übersetzen“, erläutert Wagner, die den Einfluss der deutschen Geistesgeschichte auf die amerikanische Nationalliteratur untersucht.

Eine Legende ist allerdings, dass die Vereinigten Staaten kurz nach ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien um ein Haar Deutsch als Landessprache eingeführt hätten. Die Geschichte geht darauf zurück, dass 1794 einige deutsche Einwanderer eine Petition an das Repräsentantenhaus richteten, nach der Gesetzestexte künftig auch auf Deutsch veröffentlicht werden sollten. Sie begründeten dies damit, dass viele Einwanderer noch kein Englisch sprächen. Dieser Antrag wurde mit 42 zu 41 Stimmen abgelehnt. Die entscheidende Gegenstimme soll der Speaker des Hauses, der Deutschamerikaner Frederick Augustus Conrad Mühlenberg, abgegeben haben. Sein Argument: „Je eher die Deutschen Amerikaner werden, desto besser."

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