Deutscher Wirtschaftsbuchpreis 2008
Rezension: Der verschmähte Freund

Zehn Bücher sind in die engere Wahl für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2008 gekommen. Bis zur Preisverleihung am 16. Oktober stellt das Handelsblatt jede Woche einen der Kandidaten vor. In dieser Woche erklärt Alexander Rahr, wie der Kreml tickt.

DÜSSELDORF. Das Schlimmste, was einem Sachbuch passieren kann, ist, direkt nach dem Erscheinen von der Aktualität eingeholt zu werden. Oder das Beste. Alexander Rahrs Analyse über den Wiederaufstieg Russlands jedenfalls ist durch den Weltkonflikt um Georgien heute eine noch ertragreichere Lektüre als beim Erscheinen im Februar. Rahr zeichnet in „Russland gibt Gas“ nach, wo die Konfliktlinien im Kreml laufen – und vor allem, wie ein „Old-Boys-Network“ um Wladimir Putin Russlands Wiedererstarken generalstabsmäßig plant.

Dabei hegt Rahr, Programmdirektor Russland bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, unverhohlene Sympathie für das Programm des Kremls – auch, wenn er immer wieder kritische Punkte benennt. Er schildert Russland als ein Land, das nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Chaos der Jelzin-Jahre etliche Defekte aufweist. Als Reparaturtrupp angetreten ist der Zirkel aus ehemaligen St. Petersburger Geheimdienstlern um Putin.

Dessen Bemühungen beschreibt Rahr als lösungsorientiertes Programm, um Russland politisch und wirtschaftlich für den weltweiten Wettbewerb fit zu machen. Der Autor beschreibt, wie Putin aus übereilt privatisierten Einzelbetrieben große Rüstungs- oder Energiekomplexe baut. Der politische Prozess erscheint als Suche nach einem System, das Russland stärkt und seinen Zusammenhalt gewährleistet. Vor allem die Taktik hinter den jüngsten Wahlen zeichnet Rahr nach, nennt verschiedene Ansätze des Kremls, ein Zweiparteiensystem zu formen.

Enttäuscht stellt er am Ende fest, dass Putins Kniff, über das Amt als Premierminister und Parteichef in der Machtzentrale zu bleiben, diesen Plan schwer beschädigt hat. Im aktuellen Blick ist das Buch dort am interessantesten, wo Rahr die außenpolitischen und -wirtschaftlichen Überlegungen des Kremls ausbreitet. Er beschreibt Putin als „enttäuschten Europäer“, der zu Beginn seiner Amtszeit als Präsident einerseits Russland aus der Rolle als Juniorpartner des Westens gelöst hat, andererseits das Land aber eng an die EU anbinden wollte – als gleichberechtigten Partner. Deutschland habe mit brüsker Ablehnung die historische Chance verpasst, den Deutschland-Kenner Putin und damit Russland als Freund zu gewinnen.

Die Unterstützung der orangefarbenen Revolution in der Ukraine, die Kosovo-Politik und die enge Anbindung Georgiens hätten Putin endgültig zum Politikwechsel bewegt. Russland setze in der Peripherie schon allein deshalb auf Machtpolitik, weil es seine Energieressourcen zur Zukunftssicherung nutzen wolle. Pipelines, die Russland umgehen, könne der Kreml nicht dulden.

Anekdoten- und kenntnisreich zeichnet Rahr ein Bild der Kreml-Politik. Dabei benennt er rechtsstaatliche und gesellschaftliche Probleme – allerdings häufig mit allzugroßem Verständnis. Die Gliederung in die Kapitel „Russland als Gegner“, „als Konkurrent“ und „als Partner“ führt leider zu Dopplungen. Dagegen nutzt der Autor viele Mittel, um sein Thema plastisch zu machen, etwa ein fiktives Streitgespräch. Insgesamt ein hochaktuelles Wirtschaftsbuch, das intime Einsichten in den innersten Zirkel der Macht ermöglicht.

Alexander Rahr: Russland gibt Gas
Die Rückkehr einer Weltmacht
Hanser, München 2008
280 Seiten, 19,90 Euro

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