Deutscher Wirtschaftsbuchpreis 2008
Rezension: Ein ungesunder Mix

Zehn Bücher sind in die engere Wahl für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2008 gekommen. Bis zur Preisverleihung am 16. Oktober stellt das Handelsblatt jede Woche einen der Kandidaten vor. In dieser Woche analysiert Wolfgang Münchau die Vorbeben der Subprime-Krise.

DÜSSELDORF.Dass das Häuschen von Joe Public in einer amerikanischen Kleinstadt sehr viel mit den Beinahe-Pleiten deutscher Banken zu tun hat, hat sich inzwischen auch außerhalb von Investmentbanker-Kreisen herumgesprochen. Wie genau die Kette der verhängnisvollen Entwicklungen verlief, die in einer der schlimmsten Finanzkrisen der vergangenen Jahrzehnte mündete, dagegen nicht.

Wolfgang Münchau, Direktor des Wirtschaftsdienstes „Eurointelligence.com“, rekonstruiert sie in „Vorbeben“. Auch wenn man dem Werk die heiße Nadel, mit der es binnen drei Monaten nach Ausbruch der Krise gestrickt wurde, bisweilen anmerkt: Es erklärt auf verständliche Art, wie es zur Krise kommen konnte und was sich hinter den Instrumenten der modernen Finanzmärkte, hinter all den ABS, CDOs und SIVs verbirgt.

Im Zuge der Rezession Anfang des Jahrhunderts senkt die US-Notenbank die Leitzinsen auf ein historisch niedriges Niveau – und belässt sie über Jahre dort. Für die Amerikaner sei es deshalb nur rational gewesen, schreibt Münchau, sich reichlich von dem billigen Geld zu leihen und es gewinnbringend anzulegen, in Aktien etwa – oder in das eigene Haus. Die Immobilienpreise steigen und steigen, und die Banken streuen reichlich Kredite unters Volk. Solange der Markt boomt, ist das Risiko dabei gering.

Parallel dazu entwickeln Investmentbanker und Finanzmathematiker neue Instrumente, die die Großzügigkeit der Banken erst ermöglichen: Mit Hilfe ausgegliederter Zweckgesellschaften schaffen sie die Kredite aus ihren Büchern und verkaufen sie an Investoren weiter. Dadurch können sie die rechtlich vorgeschriebenen Grenzen der Kreditvergabe auf legale Weise umgehen. Mehrere Jahre geht das Spiel gut. Im Sommer 2007 endet es abrupt: Die Immobilienpreise sinken, einkommensschwache Hausbesitzer können ihre Hypotheken nicht mehr bedienen, die mit diesen Krediten besicherten und bislang äußerst rentablen Wertpapiere werden praktisch über Nacht wertlos – kein Investor will sie noch haben. Die Banken, die Zigmilliarden in diese Papiere investiert haben, sitzen auf dem Trockenen.

Viele der Papiere waren derart komplex, dass die Investoren das mit ihnen verbundene Risiko nicht durchschauten. Sie verließen sich auf die Bewertungen der Ratingagenturen – ohne zu ahnen, dass diese häufig selbst nicht viel wert waren. Münchau beschreibt eindrücklich, wie die Verkäufer das Rating ihrer Wertpapiere de facto selbst festlegen konnten: Packten sie nur genug Kredite in das Bündel, war ihnen die beste Note sicher. Selbst wenn es sich dabei um äußerst wackelige Hypotheken handelte, die sogenannten Subprimes.

Für Münchau gehören die Ratingagenturen deshalb zu den Hauptverantwortlichen der Finanzkrise. Doch auch die US-Notenbank trage einen Teil der Schuld: „Die laxe Geldpolitik hat eine Risikofreudigkeit erzeugt, die diese Blase unterfütterte“, schreibt er. Hinzu komme das enorme Leistungsbilanzdefizit der USA, das die Liquidität in anderen Regionen der Welt dramatisch zunehmen ließ und damit die Spekulation an den Finanzmärkten zusätzlich befeuerte.

Münchau glaubt nicht daran, dass die Folgen des Exzesses schnell ausgestanden sind. Er entwirft mehrere Szenarien, mit einer Ausnahme eröffnen sie allesamt wenig rosige Aussichten. Ob das alles nur ein „Vorbeben“ war, wie es der Titel des Buches suggeriert, bleibt aber abzuwarten.

Wolfgang Münchau: Vorbeben
Hanser, München 2008
240 Seiten, 21,90 Euro

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel
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