Deutscher Wirtschaftsbuchpreis 2008
Rezension: Emotionale Nutzenmaximierer

Zehn Bücher sind in die engere Wahl für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2008 gekommen. Bis zur Preisverleihung am 16. Oktober stellt das Handelsblatt jede Woche einen der Kandidaten vor. In dieser Woche verabschiedet sich Gunter Dueck vom Homo Oeconomicus.

DÜSSELDORF. Er ist egoistisch, rational und hat feststehende Präferenzen. Das klingt nach einem zielorientierten, aber auch unsympathischen Typen. Dennoch bestimmt er die vorherrschenden Wirtschaftstheorien – der Homo oeconomicus. Die Wissenschaft zieht ihn als Modell heran, um elementare wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären.

Der Haken: Das Modell funktioniert nur, wenn der Homo oeconomicus den kompletten Überblick über alle Informationen hat. Und das ist unmöglich, sagt Gunter Dueck. Er hält diese Theorie für überholt – und hat einen Abgesang auf sie geschrieben, den „Abschied vom Homo oeconomicus“. Darin versucht er – so der Untertitel – die Frage zu klären, „warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen“.

Der Grund ist ein moralischer: „Geht es immer nur um Geld und Macht oder doch auch wieder um Ehre, Ethik, Sinn und Würde?“ fragt Dueck. Er hat den Glauben an das Gute im Menschen noch nicht verloren. Und darum definiert er Wirtschaft auch nicht als Kampffeld aller Einzelnen, sondern als ein System, das zum Wohlergehen der Gemeinschaft gedacht ist. Und in einem solchen System ist kein Platz für Egoismus.

Dueck beschreibt die verschiedenen Denkweisen in verschiedenen Zeiten – in denen des Aufbaus einer neuen Ordnung, des Entstehens von Utopien in Zeiten des Luxus, des Zerfalls von zu üppig gewordenen Strukturen und des Überlebenskampfs nach dem Aufbrauchen aller Reserven. „Oh nein, wir sind kein Homo oeconomicus“, so Dueck. „Wir sind eher eine große Masse von leicht erregbaren Individuen, die wie Lemminge hin und her rasen, je nachdem, wohin der Trend zeigt. Wir finden vor allem das rational, was die anderen auch tun.“ Für Dueck besteht das Leben aus Phasen. Und in jeder Phase verhält sich der Mensch anders, denkt anders, plant anders. Aus dem Bauch heraus.

Während sich die ökonomischen Theorien hauptsächlich mathematisch und logisch herleiten, bezieht Dueck den emotionalen Faktor mit ein. Als promovierter Mathematiker kann sich der Cheftechnologe bei IBM die Kritik an der Wissenschaft erlauben. Und er erklärt dem Leser seine Theorie in einfachen Worten: Maß halten wäre angesagt. Im Aufschwung nicht zu stark investieren und im Abschwung nicht nervös werden. Doch in der Realität herrscht häufiger der Instinkt als die Vernunft – Dueck nennt es „Phasic Instinct“. Dieser kommt in Stresssituationen besonders zum Vorschein.

Die Volkswirtschaft finde noch nicht die richtige Lösung. Sie bemühe sich zwar um das Verständnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge, vergesse darüber jedoch eine entscheidende Frage: „Können wir gemeinschaftliche Richtlinien oder Handlungsmaximen vereinbaren, unter denen die todbringenden Schwankungen gedämpft werden? Können wir jeden Einzelnen zu Selbstverantwortung und Selbstdisziplin führen?“ Ja, sagt Dueck. Man müsse nur Vertrauen unter den Marktteilnehmern herstellen. Wie das funktionieren soll, lässt er jedoch offen. Das macht Duecks Buch sympathisch. Er bietet nicht die finale Lösung. Aber er bietet Visionen, folgt ganz seinem Phasic Instinct.

Gunter Dueck: Abschied vom Homo Oeconomicus


Warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen
Eichborn, Frankfurt 2008
256 Seiten, 22,95 Euro

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