Deutscher Wissenschaftsbuchpreis 2008
Rezension: Kein Untergangsszenario

Zehn Bücher sind in die engere Wahl für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2008 gekommen. Bis zur Preisverleihung am 16. Oktober stellt das Handelsblatt jede Woche einen der Kandidaten vor. In dieser Woche betrachten Harald Schumann und Christiane Grefe die Zukunft der Globalisierung.

BERLIN. Harald Schumann und Christiane Grefe steigen mit einer originellen Perspektive ein: Sie betrachten die Globalisierung aus der Vergangenheit, genauer gesagt, sie schneiden die mit dem Ersten Weltkrieg zusammengebrochene erste Globalisierung gegen die heutige. Diese ersten zehn Seiten zählen zu den besten Passagen des Buches. Für viele Leser werden sie auch die überraschendsten Erkenntnisse beinhalten.

Die mit vielen interessanten Zitaten übermittelte Botschaft des Einstiegs setzt den Ton für das Buch: So wuchtig und machtvoll die Globalisierung uns auch erscheint, sie ist kein notwendigerweise stabiler Zustand und kann erneut scheitern, wenn sie zu viele Verlierer hervorbringt. Das Verdienst der folgenden Kapitel ist, dass die Autoren sich um eine Zusammenschau der verschiedenen Facetten bemühen, die der weltweite Markt und die internationalisierte Wirtschaft aufweisen: Finanzen, die Verteilungseffekte, Energie, die Konkurrenz um Rohstoffe, den Klimawandel und Möglichkeiten einer globalen Governance.

Allerdings stehen Sachbücher, vor allem Wirtschaftsbücher, unter dem Fluch, dass sie oft skandalisieren müssen, um Aufmerksamkeit zu finden. Dem beugen sich teilweise auch die Autoren, und dann leidet die Schlüssigkeit, und es tauchen Widersprüche auf - etwa wenn sie die allzu bekannte Phrase von den Schwellenländern aufgreifen, deren Aufstieg zu Einkommensverlusten in den entwickelten Ländern führe, um wenige Seiten später festzustellen, dass die Globalisierung gerade kein Nullsummenspiel ist.

Ein wenig setzen die Autoren sich selber unter Druck, vor allem die negativen Seiten etwa des internationalen Finanzmarktes zu zeigen: Sie wollen Spannung aufbauen, ihre These belegen, dass die Entscheidung zwischen Katastrophe oder glücklichem Ausgang unmittelbar bevorstehe. Dabei ist die Realität schon alleine spannend genug, sie braucht die Aufladung durch den Plot eines "Countdowns" überhaupt nicht. Das zeigen gelungene Abschnitte wie der über das Wechselspiel zwischen US-Defizit und chinesischen Devisenreserven. Das liest sich wie eine gut geschriebene Reportage, und gleichzeitig blättern die Autoren einen komplexen ökonomischen Zusammenhang auf, der zugleich eine paradoxe Zweierbeziehung zwischen gegnerischen Supermächten ist.

Der partielle Hang zum Schwarzmalen ist vor allem deshalb bedauerlich, weil er manche Leser veranlassen könnte, die Grundaussage des Buches misszuverstehen. Die läuft nämlich gerade nicht auf ein Untergangsszenario hinaus, sondern lautet eher: Globalisierung ist ökonomisch sinnvoll und politisch gestaltbar, die Instrumente dafür sind vorhanden, jetzt muss jemand die politische Führung übernehmen. Nach Ansicht der Autoren kommt dafür vor allem die EU infrage.

Insgesamt aber bleibt festzustellen: Ob Finanzen, Klima oder Energie - die Autoren bemühen sich stets um größtmögliche Konkretisierung, sie haben ihren Stoff im Griff und lassen ihn lebendig werden. Die Reise über den Globus, zu der sie den Leser mitnehmen, ist so materialreich und anschaulich, dass man über die hier und da gezwungen wirkende Dramatisierung gerne hinwegsieht.

Harald Schumann, Christiane Grefe: Der globale Countdown
Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung - Die Zukunft der Globalisierung
Kiepenheuer+Witsch, Köln 2008

464 Seiten, 19,95 Euro

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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