Dickens-Manie
„Er hat alle Regeln der Fiktion gebrochen“

Fast jeder kennt einen Charakter aus Charles Dickens' Büchern: Oliver Twist, David Copperfield oder Ebenezer Scrooge. Wieso ist der Autor immer noch beliebt? Der Londoner Literatur-Professor John Mullan hat Antworten.
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LondonWarum kennt in Großbritannien, aber auch weltweit, fast jeder bis heute zumindest den Namen Charles Dickens?

Mullan: Dickens ist einer der ganz wenigen britischen Schriftsteller, der den Menschen im Gedächtnis ist, obwohl sie womöglich noch nie etwas von ihm gelesen haben.
Außer für ihn gilt das so sonst vielleicht nur für Shakespeare. Zyniker würden sagen: Der Hauptgrund ist, dass seine Werke so unglaublich oft adaptiert worden sind, in
Kinderversionen, Film oder Fernsehen.

Womit hat sich Dickens selbst im kollektiven Gedächtnis verankert?

Da sind erst einmal seine Charaktere. Er hatte ein außerordentliches Talent für Charakterisierungen und schaffte es, dass seine Figuren sich den Menschen einprägten. Auch war es seine besondere Art zu schreiben. Dickens war auf eine wunderbare Art ungehorsam und kreativ. Er hat alle literarischen Regeln der Fiktion, die damals galten, gebrochen. Er war furchtlos. Das war aufregend. Er benutzte Klischees, Groteske, Übertreibungen, ließ seine Charaktere Mundart sprechen und verstieß fast in jedem Paragrafen gegen den guten Geschmack der Zeit. Er war einer der ersten, die innerhalb eines Romans zwischen Präsens und Vergangenheit wechselten - das hätte damals kein guter Schreiber gewagt. Viele dieser formalen Dinge sind heute üblich.

Warum ist in Großbritannien und auch woanders eine regelrechte Dickens-Manie ausgebrochen?

Viele sagen, das liege daran, dass Dickens und seine Themen wie Armut, Gier und Geld heute noch so aktuell seien. Das glaube ich persönlich nicht unbedingt. Ein großer Jahrestag wie dieser wird einfach genutzt, um uns selber daran zu erinnern, warum ein Autor weiterhin geliebt wird. Vielleicht bleibt Dickens aber auch deshalb weiter bei uns, weil wir bei ihm etwas finden, von dem wir glauben, dass unsere zeitgenössische Literatur es uns vorenthält. Bei Dickens zum Beispiel finden sich sowohl literarisch-formaler Anspruch als auch Handlungsschema und Plot - etwas, das viele in der aktuellen englischen Literatur als voneinander getrennt sehen. Außerdem ist er ein fantastischer Satiriker. Seine Satire hat eine Schärfe und moralische Leidenschaft, die in aktueller Literatur schwer zu finden ist.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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