Die Dresden Dolls bedienen sich ungeniert der Attitüde längst vergangener Tage
Zwischen Punk und Brecht

Wieder einmal hat das junge Pop-Amerika das alte Europa entdeckt. Amanda Palmer und Brian Viglione geben sich als Dresden Dolls das Etikett „Brechtian Punk Cabaret“ und treffen damit den Nagel auf den Kopf.

FRANKFURT. Ganz schön schräge Töne kommen da aus Boston. Sie ist Sängerin und Pianistin, er Schlagzeuger, und zusammen machen die beiden Punk ohne Gitarren und teilen ihre Leidenschaft für die Kultur und Kunst der „Goldenen Zwanziger“ in Deutschland. Beide haben längere Zeit in Deutschland gelebt: Sie gastierte für zwei Auslandssemester in Regensburg, er arbeitete längere Zeit in einem deutschen Avant-gardetheater.

Wieder einmal hat das junge Pop-Amerika das alte Europa entdeckt. Amanda Palmer und Brian Viglione geben sich selbst das Etikett „Brechtian Punk Cabaret“ und treffen damit den Nagel auf den Kopf. Sie lieben dadaistische Fotocollagen, das Theater von Bertolt Brecht, die Malerei von Max Liebermann und die Bilderpoesie des deutschen Stummfilms. Der Einfluss des Cabarets der Weimarer Republik und der Chansons von Kurt Weill sind unüberhörbar. Den Aufdruck ihres Kurzweil-Keyboards ersetzen die Dolls kurzerhand durch einen Kurt-Weill-Schriftzug. Immer wieder finden sich Spurenelemente der Zwanziger, das Prätentiöse im Gesang Palmers etwa, die ironische Distanz zum eigenen Tun. Auch die Fotocollagen im Beiheft des Albums atmen Nostalgie: die Kostümierung, die schwarzen Kleider, die weiße Theaterschminke, die dick nachgezogenen roten Lippen, die schon Anfang der Achtziger von diversen New-Wave-Bands poptauglich gemacht wurden.

Grenzenlose Gegensätzlichkeit findet sich auch in der Musik: Die Dresden Dolls holpern mit juveniler Kraft voran, abrupte Rhythmuswechsel von Piano und Schlagzeug, stilistische Brüche, die wir – um der Ideenwelt der Band folgen zu können – als eine Reihe surrealistischer Überraschungsmomente bezeichnen können.

Bevor sie in den USA auf einer anstehenden Tournee die Industrial-Rocker von Nine Inch Nails begleiten dürfen, lassen sie hier noch, auf einer kurzen Headliner-Tour, die Puppen tanzen. Ihre Live-Performance unterscheidet sich stark vom Studiosound. Sie spielen nicht nur die Hits („Girl Anachronism“, „Coin-Operated Boy“) ihres aktuellen Longplayers, sondern streuen auch immer wieder obskure Coverversionen von Madonna, Britney Spears oder Black Sabbath ein, allerdings in ihrem ganz eigenen Gewand. Genau in diesen Momenten erinnert sich das Publikum an den in Brechts „epischem Theater“ etablierten Verfremdungseffekt. Durch ständige Brüche wird jede Identifikation von Publikum und Künstler verhindert.

Molltrunkene Melancholie trifft auf leiernde Kindermelodien, hart gehämmerte Pianophrasen auf süßliche Chansons, Zirkusklänge auf Walzer, die Lust an der Maskierung auf den wegwerfenden Haudrauf-Gestus des Punkrock, gespielte Hysterie auf die intellektuelle Inszenierung mehrdeutiger Sexualität, wie wir sie von David Bowie oder aus der Rocky Horror Show kennen.

Kennen gelernt haben sich Amanda und Brian 2000 auf einer Party eines gemeinsamen Freundes, wo Amanda selbstkomponierte Songs auf dem Klavier zum Besten gab. Brian war davon so angetan, dass man sich entschied, in Zukunft zusammen zu musizieren. Den Namen „Dresden Dolls“ haben sie einem Songtitel der Indie-Legende The Fall entliehen und beweisen damit, dass sie nicht in der fernen Vergangenheit leben, sonder vielmehr freche und unbekümmerte Resteverwerter von Zeiten, in denen es noch eine Avantgarde gab, darstellen.

Für die Produktion ihres nächsten Albums konnten sie Sean Slade und Paul Kolderie gewinnen, die auch schon bei Radiohead und Courtney Love Hand angelegt haben, und obwohl ihr Bekanntheitsgrad weiter wächst, veröffentlichen sie ihre Platten noch selbst und pflegen den Kontakt zu ihren Fans.

Quelle: News Frankfurt

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