Die Gebrüder Caillebotte
Millionäre frönen den Künsten  

Dass der Maler Gustave Caillebotte ein Impressionist der ersten Stunde war, ist bekannt. Dass sein bis dato unbekannter Bruder Martial Paris und seine Gesellschaft ablichtete, zeigt jetzt das Musée Jacquemart-André.
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ParisDie Werke des impressionistischen Malers Gustave Caillebotte (1848-1894) waren bis zu seiner ersten  Solo-Ausstellung im Jahre 1994 im Pariser Grand Palais beim breiten Publikum viel weniger bekannt als die seiner Kollegen Edgar Degas, Auguste Renoir oder Claude Monet. Dass Caillebottes Gemälde seither fest in unserem Bildgedächtnis verankert sind, kann man derzeit im Pariser Museum Jacquemart-André überprüfen: Innovativ sind Caillebottes kühne Blickwinkel und Bildausschnitte, seine diagonalen Linien auf  Ansichten großbürgerlicher Balkone im Viertel um die Pariser Oper oder der Eisenbahnbrücke „Le Pont de l'Europe“. Der Impressionist hielt die eleganten Damen und Herren beim Spaziergang auf der Leinwand fest, aber auch die arbeitende Bevölkerung, wie die „Parkettschleifer“. Die Leidenschaft für Segel- und Ruderboote, die Gustave selbst durch die Wellen schiffte, teilte auch dessen jüngerer Bruder Martial (1853-1910). Martial fing um 1890 an zu fotografieren.

Lichtbilder eines Liebhabers 

Auf Wunsch der Nachfahren der Familie, die nach wie vor einen Großteil der Gemälde, Zeichnungen und sämtliche Fotografien besitzen, präsentiert der Kunsthistoriker Serge Lemoine, der ehemalige Direktor des Musée d'Orsay, eine Gegenüberstellung der Gemälde des älteren, malenden Bruders mit den Amateurfotografien des jüngeren. Zirka 50 Gemälde, zum größten Teil aus Privatbesitz, sowie 130 völlig unbekannte Fotografien kann das geduldige Publikum derzeit entdecken. Bevor es sich in den kleinen Sälen drängt, muss es ein, zwei Stunden lang anstellen.

Wie Kurator Serge Lemoine berichtet, wurden die Fotos im Musée d'Orsay abgezogen, unter Benützung von Chemikalien und Fotopapier der Zeit. „Das Musée d'Orsay leiht niemals Originalfotos. Foto-Leihgaben werden immer neu abgezogen, um die Originale zu bewahren“. 

Millionär mit 26

Die Brüder Caillebotte waren Erben eines vermögenden Vaters, der mit Waffenlieferungen für Frankreich reich wurde. Sie führten genau das großbürgerliche Leben, das Gustave in seinen Gemälden einfing. Mit 26 Jahren Millionär, half Gustave seinen impressionistischen Malerfreunden. Er unterstützte insbesondere Claude Monet kräftig finanziell. Er war Monets Trauzeuge, der Taufpate von Pierre-Auguste Renoirs erstem Sohn Pierre. Caillebotte kaufte zahlreiche Werke der Impressionisten an, bzw. mietete für Räumlichkeiten für ihre Ausstellungen.

Maler, Mäzen und Sammler

Gustave Caillebotte war lange Zeit als Maler ebenso berühmt wie als Sammler und Mäzen: Der bereits mit 45 Jahren an Gehirnschlag Verstorbene Künstler hatte dem Staat testamentarisch 67 Gemälde überlassen wollen. Doch von dieser damals ungewohnt modernen Kunst akzeptierten die Staatsdiener nach langen Kämpfen des Testamentsverwalters Renoir nur 40. Diese wurden schließlich 1896 im Musée du Luxembourg ausgestellt. Das war die erste Impressionisten-Schau in einem staatlichen Rahmen.

Ähnlicher Blick

Die Fotos von Martial Caillebotte zeigen oft die gleichen Sujets und einen ähnlichen Bildaufbau wie die Gemälde seines Bruders. Das demonstriert die Ausstellung auf rührende Weise. Martial begann erst kurz vor dem Tod seines Bruders zu fotografieren. Da stellt sich die Frage,

ob er den Älteren und dessen Thematik imitierte, oder ob sich die Nähe der Brüder auf die Fotos von Martial auswirkte. 

Raritäten auf dem Kunstmarkt

Die Vermögenslage der Caillebottes ermöglichte es ihnen, ohne jegliche ästhetische oder finanzielle Zwänge zu malen, zu fotografieren und zu leben. Gustave verkaufte nur sehr wenige Gemälde, verschenkte einige. Relativ wenige der insgesamt 600 Werke befinden sich in Museen, denn die  Erben Martials (Gustave starb kinderlos) behielten das Gros der Produktion. Auf dem Kunstmarkt sind Gemälde von Gustave eine absolute Seltenheit: Bei Sotheby's brachte in London am 26.6.1990 eine Ansicht der „Seine und des Ufers in Argenteuil, gegen die Brücke von Bezons“ von 1887 bereits 825.000 Pfund. Christie's versteigerte am 8.5.2000 in New York eine Version eines „Mann am Balkon, Boulevard Haussmann“ von 1880 für 14,3 Millionen Dollar.

 

„Dans l'intimité des frères Caillebotte. Peintre et Photographe“   
bis 11. Juli 2011 im Musée Jacquemart-André, Paris.
Im Herbst in Montréal.     

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