Die kickboxende Ärztin
Christine Theiss: Die Lust zu kämpfen

Christine Theiss steigt lieber in den Ring als im Krankenhaus Patienten zu behandeln. Die Ärztin ist Deutschlands einzige Profi-Kickboxerin und amtierende Weltmeisterin. Ihr Ziel: Sie will ihren Sport so populär machen wie Boxen.

Christine Theiss hat ein finanzielles Problem. Wenn Deutschlands einzige Profi-Kickboxerin an diesem Wochenende in München in den Ring steigt, um ihren Weltmeistertitel zu verteidigen, kämpft sie sozusagen umsonst. Nur wenige Tage vor der Titelverteidigung sprang ihr Hauptsponsor ab. Der österreichische Textilhersteller Ergee ist pleite. „Ich habe keine Angst, wenn ich in den Ring steige“, sagt die amtierende Weltmeisterin, „aber in den vergangenen Tagen hatte ich so etwas wie Existenzangst.“

Vollkontakt-Kickboxen ist nichts für Weicheier. Schläge und Tritte sind – wie der Name schon sagt – mit vollem Kontakt erlaubt. Neben den beim Boxen üblichen Fausttechniken zum Körper und zum Kopf sind bei dieser Sportart alle möglichen Beintechniken erlaubt, Tritte zum Körper, voll durchgezogene Halbkreisfußstöße zum Kopf, die volle Ladung. Nur Thaiboxen und Vollkontakt-Kyokushin-Karate sind noch härter. Viele Kämpfe enden mit K.o. Gebrochene Nasenbeine und blutende Cuts gehören zum Berufsrisiko. „Während eines Kampfs spürt man wegen des Adrenalins keinen Schmerz“, sagt Ringkämpferin Theiss. „Die Wirkungen der Schläge und Tritte merkt man meistens erst am nächsten Tag, und dann ist alles halb so schlimm.“

In Deutschland ist die 28-jährige Christine Theiss –blond, blauäugig, attraktiv und ein durchtrainierter Männertraum– die einzige Frau, die diesen Kampfsport als Profi betreibt. Doch während andere Vertreter der boxenden Zunft zwar eine vernichtende rechte Gerade, aber keine geraden Sätze hinbekommen, ist Theiss promovierte Medizinerin. Das persönliche Umfeld der Wahl–Münchenerin besteht nicht aus tätowierten Glatzköpfen oder Angehörigen der halbseidenen Rolex-Fraktion, sondern aus Akademikern so weit das Auge reicht.

Am Ring sitzen dann schon einmal Christines Eltern, eine Allgemeinärztin und ein Internist mit Praxis in Bayreuth, der Bruder, ein Krankenpfleger, Ehemann Hans, ein Kardiologe am Klinikum München-Großhadern, die Schwiegereltern und die Schwägerin, zwei Zahnärztinnen und ein Gefäßspezialist. „Sollte mir mal was passieren, hätte ich die familiäre Rundumversorgung“, scherzt Theiss.

Als Profi-Kickboxerin hat Theiss einen makellosen Rekord: zehn Kämpfe, zehn Siege, davon fünf mit K.o.; als Amateur-Kickboxerin, als die sie zuletzt ebenfalls die Weltmeister-Krone trug, ging sie bei 14 Kämpfen zwölfmal als Siegerin aus dem Ring. In der Disziplin Semi-Kontakt, in der nicht mit voller Trefferwirkung gekämpft wird, hat sie über 100 Kämpfe bestritten. Dazu hat sie sich 2006 noch den Titel einer deutschen Vizemeisterin im Boxen erkämpft, aber „einfaches“ Boxen ist nicht ihr Ding.

Ihre makellose Bilanz hat sich aber noch nicht finanziell niedergeschlagen. Während männliche Profi-Boxer wie die Klitschko-Brüder mit dem Faustkampfgeschäft zu Mehrfach-Millionären geworden sind und auch eine Regine Halmich, Vorkämpferin des Frauen-Boxens in Deutschland und ZDF-Quoten-Queen, zuletzt wohl für eine Millionenbörse die Boxhandschuhe anzog, ist für Deutschlands erfolgreichste Kickboxerin im Ring nicht viel Geld zu holen.

Gut 2000 Leute kommen, wenn Promoter Steko in München seine „Steko’s Fight Night“ organisiert; Geld für Theiss bleibt davon nicht übrig. Für die Übertragung der Kämpfe auf dem Sportsender DSF gibt es auch kein Geld, sondern der Veranstalter muss dafür sogar noch bezahlen. Die Profi-Kickboxerin hängt am Tropf der Sponsoren. Und da sieht es nach dem Wegfall des Hauptsponsors mau aus, auch wenn der Sportausrüster Kwon wohl zumindest ein paar Tausend Euro springen lässt.

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