Kultur + Kunstmarkt
Die Liebe der Frauen ist schrecklich

Peter Handke liebt die Extreme: Mit seinem umfangreichen literarischen Werk und spektakulären öffentlichen Auftritten hat er stets bewusst polarisiert. Auch in seinen meisten Büchern hat er die Rolle des Außenseiters wortgewaltig kultiviert.

DÜSSELDORF. Handke hat stets bewusst polarisiert – vor allem durch seine (kaum nachvollziehbare) demonstrative Nähe zum verstorbenen serbischen Diktator Slobodan Milosevic, die ihn zum Verzicht auf den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zwang. Er war nie konventioneller Erzähler, sondern ein reflektierender Beobachter, der die Sprache als Heiligtum pflegt.

Von den sezierenden Blicken auf Innen- und Außenwelten handelt auch sein neues Buch „Kali“. Aus dem „Off“ wird mit Sorgfalt von den kleinen Veränderungen berichtet. Alles befindet sich im Fluss, im permanenten Übergangsstadium. Die Grenzen zwischen Heimat und Fremde, Kunst und Leben, Sommer und Winter, Tag und Nacht, Schlaf und Traum und Bleiben und Gehen verschwimmen. Eine introvertierte Sängerin („Ich habe Angst vor mir selber“) serviert ihre Verehrer kühl ab. Einem Taxifahrer und einem Musiker, der später aus Zorn sein Instrument zertrümmert, schenkt sie mit ihrem Gesang die letzte Wärme vor der Winterpause.

Die namenlose Künstlerin, die von der Beobachteten auf der Bühne zur Beobachterin eines Kinofilms mutiert, erklärt einem ihrer Verehrer, dass die Liebe der Frauen schrecklich sei. Handelt es sich um die gleiche Frau, die beim Besuch der Eltern erfährt, dass sie ein „ungewolltes Kind“ war? Ist es auch die Sängerin, die in einem geheimnisvollen, verkohlten Buch liest?

„Spuren der Verirrten“ heißt Handkes neues Theaterstück, das unter der Regie von Claus Peymann am 17. Februar in Berlin uraufgeführt wurde. Mit ebenjener Spurensuche beschäftigt sich auch diese „Vorwintergeschichte“, in der nicht nur die Omnipräsenz des Schnees empfindliche Kälte ausdrückt. Emotionale Kälte prägt auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Und die gigantische, auf dem Cover abgebildete Kali-Halde taucht immer wieder als ein gespenstisches erzählerisches Bühnenbild auf. „Kali“ ist ein seltsam ruhig dahinfließendes Büchlein, nicht mehr als ein Nebenwerk in Handkes Œuvre, ein hübsch arrangiertes literarisches Intermezzo.

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