Die Sänger geben vokal und schauspielerisch ihr Bestes
Mozart gemartert

Zum Saisonschluss liefern die Berliner Opernhäuser mit gleich drei Premieren Diskussionsstoff

Die gerade gegründete Opernstiftung, in der die drei Berliner Häuser mit dem Ziel einer strengeren Sparpolitik zusammengefasst sind, hat bereits ein Minus von 2,7 Millionen Euro aufzuweisen, das aus dem großen Topf der Staatsoper ausgeglichen wird. Die Kreativität jedenfalls hat unter den ökonomischen Zwängen noch nicht zu leiden. Hier sind es wieder die Nachbarn Staatsoper und Lindenoper, die zum Ende der Spielzeit mit spannenden Inszenierungen der Repertoire-Säulen „Don Carlo“ und „Die Entführung aus dem Serail“ für heiße Diskussionen sorgen.

Die Deutsche Oper hat dem nichts entgegenzusetzen. Im Haus an der Bismarckstraße war es die fadeste Spielzeit seit langem. Der Einkauf von Nikolaus Lehnhoffs fast zehn Jahre alter Glyndebourner Inszenierung von Leos Janaceks „Die Sache Makropoulos“ kann daran auch nichts mehr ändern. Eine abgesungene Diva (Anja Silja) und ein nur routiniert agierendes Sängerensemble schieben dieses großartige Spätwerk auf ein konventionelles Operngleis.

Nur der junge Dirigent Marc Albrecht, der schon als Nachfolger für den von seinem Posten zurückgetretenen Christian Thielemann gehandelt wird, wird dem hohen Anspruch dieser Totentanzmusik gerecht, auch wenn es noch an innerer Glut fehlt. Die künftige Intendantin Kirsten Harms muss jetzt vor allem jüngere Regisseure und Sänger an das von der Publikumsstruktur überalterte Haus binden, um das Laisser-faire der letzten zwei Jahre zu beseitigen.

Der Staatsoper ist dagegen mit Verdi ein großer Wurf gelungen. Der vor zwei Jahren an der Deutschen Oper mit Marschners „Hans Heiling“ hervorgetretene Opernregisseur Philipp Himmelmann hat die vieraktige Fassung des „Don Carlo“ als psychologisches Kammerspiel inszeniert: ein mit Frustrationskomplexen und inneren Emotionen aufgeladenes Familiendrama, das sich vorwiegend an der königlichen Tafel abspielt.

Aller Pomp der großen Oper wird im schwarz verhangenen Bühnenraum auf das innere Drama verweigerter oder verstümmelter Liebe zurückgeführt. Angesichts der tafelnden Königsfamilie wird die an der Rampe vorbereitete Ketzerverbrennung mit kopfüber an Seilen baumelnden Opfern zur Kernszene: eine beklemmende Studie des Zusammenhangs von Kulinarik und Gewalt. Es gibt keine Erlösung des Infanten, er wird der Rache des Großinquisitors geopfert.

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