Die US-Autorin Marcia Angell legt sich mit den großen Konzernen der Pharmabranche an
Der Pillen-Bluff

In den USA ist Marcia Angell eine Berühmtheit. Das "Time"-Magazin wählte sie unter die 25 einflussreichsten Persönlichkeiten des Landes. Die ehemalige Chefredakteurin des renommierten "New England Journal of Medicine" hat ihren Ruhm mit einem populärwissenschaftlichen Buch erreicht, in dem sie die Macht der zehn größten Pharmakonzerne in den USA beschreibt. "The Truth about the Drug Companies" platzte wie eine Bombe in den Bush-Wahlkampf des vergangenen Jahres.

HB BERLIN. Angell räumt darin mit dem von der Branche und der Bush-Administration gepflegten Vorurteil auf, dass die Pharmamultis vor allem deshalb gutes Geld verdienen, weil sie hoch innovativ sind. Das war hoch explosiver Stoff für den Wahlkampf, weil die Arzneimittelpreise in den USA die höchsten der Welt sind und die Regierung trotzdem den heimischen Pharmamarkt durch Importverbote vor unliebsamer Konkurrenz schützt. Dabei sind viele der Medikamente schon im Nachbarland Kanada um die Hälfte billiger zu haben.

Das Buch ist nun unter dem Titel "Der Pharma-Bluff" auf Deutsch erschienen. Dass es sich mit Franz Knieps ein leibhaftiger Abteilungsleiter im SPD-geführten Gesundheitsministerium nicht nehmen ließ, ihm breite öffentliche Resonanz zu wünschen, hat auch damit zu tun, dass die USA Druck auf westliche Regierungen ausüben, die üblichen Preisregulierungen zu lockern.

Außerdem hat Deutschland als drittgrößter Pharmamarkt der Welt ähnliche Probleme wie die USA. Denn auch hier steigen die Kosten für die Arzneimittelversorgung stark, weil die Industrie in den vergangenen Jahren viele neue und teure Medikamente auf den Markt geworfen hat. Sie stehen unter Patentschutz, obwohl sie - so die Generalthese von Marcia Angell - keine echten Innovationen im Vergleich zu älteren, patentfreien Präparaten darstellen.

Norbert Schmacke, Versorgungsforscher von der Universität Bremen, billigt dem Buch beinahe Krimi-Qualität zu. Tatsächlich leistet Angell Aufklärung im besten Sinne und liefert so auch gute Argumente für die deutsche Debatte. Seit Jahren führt die forschende Industrie hier zu Lande an, dass immer neue Marktregulierungen die Forschung aus dem Land treiben.

Dies habe, sagt Angell, auch damit zu tun, dass es in den USA ein besonders dichtes Netz an staatlich geförderten Forschungseinrichtungen gibt, die ihre Erfindungen seit den achtziger Jahren - obwohl steuerfinanziert - patentieren lassen können und so zum eigentlichen Denklabor der großen Konzerne geworden sind. Ein Drittel aller von ihnen vermarkteten Präparate stamme aus dieser Forschungspipeline - Tendenz steigend, so Angell.

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