Die Welt der Wirtschaft
Literarische Ökonomie

Ist die Satire die einzige Möglichkeit, sich der Welt der Wirtschaft zu nähern? Vor allem ausländische Schriftsteller benutzen in ihren Büchern das komplette Instrumentarium grotesk-komischer Literatur: Übersteigerung, Parodie, Belehrung und Spott.

BERLIN. Der Brite Magnus Mills steht mit seinem Roman "Ganze Arbeit" für diese Form literarischer Auseinandersetzung. Wer sich angesichts überbordender Bürokratie, abstruser Managementtheorien und überzogener Gewerkschaftsforderungen schon immer Gedanken über die Absurdität ökonomischer und politischer Prozesse gemacht hat, sollte unbedingt sein Buch lesen. Es geht um Vollbeschäftigung nach einem einfachen System, das Plan genannt wird. Die Firma in Mills? Roman, ein staatlich geförderter Fuhrpark von Univans, existiert nur zum eigenen Nutzen. Seit fünf Jahren ist der Ich-Erzähler dort als Fahrer angestellt und weiß genau, wie alles funktioniert: "Das System hält sich selbst am Leben. Wir transportieren die Einzelteile (der Univans) von einem Depot zum anderen. Das schafft Arbeit für uns alle."

Oberaufseher kontrollieren die Fahrzeiten und Ladungen, alles wird akribisch notiert. So könnte das endlos weitergehen, wenn es nicht zu Streitigkeiten zwischen den Vertretern des Achtstunden-Tages und den Verfechtern des vorgezogenen Feierabends käme. Mills gelingt eine glänzende Satire auf die Verrücktheit von Beschäftigungsgesellschaften, aber auch auf das politische Ziel der Vollbeschäftigung, das hier ad absurdum geführt wird.

Während die geordnete Welt des Plans langsam in die Brüche geht und die Arbeiter immerhin Abfindungen erhalten, ist der US-Schriftsteller Iain Levison in seinem neuen Buch "Abserviert. Mein Leben als Humankapital" von solchen Absicherungen meilenweit entfernt. "Abserviert" erinnert an Wallraffsche Sozialreportagen mit dem Unterschied, dass Levison mit seinen Jobs wirklich Geld verdienen musste. Der Hochschulabschluss in Englisch hilft nicht viel. Der Autor gehört zum verarmten Mittelstand und schlägt sich als Krabbenfischer, Möbelpacker und Fischzerleger durch.

Trotz grandioser Beschreibungen der Arbeitsbedingungen ist das Buch nicht ausgewogen, sowohl in seiner Form - es ist nicht Reportage, nicht Roman - wie in seinem Anliegen. Die Wirtschaft ist grausam, viele Bewerbungsmarathons sind unwürdig. Gut, das wissen wir nach der Lektüre. Doch warum erledigt Levison diese schrecklichen Jobs, ohne zu murren? Da war sein Roman "Betriebsbedingt gekündigt" wesentlich spannender und konsequenter.

Iain Levison bewegt sich in der Realität einer aus den Fugen geratenen Arbeitswelt, der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky ist dagegen in einer globalisierten Welt ohne Werte angekommen. Kapitalismus in Reinform hat in seinem Zukunftsroman "City" die Macht übernommen, sogar bis in die Familien hinein. Kinder heißen Chanel oder Gucci, ihre Eltern haben Werbeverträge mit Firmen abgeschlossen. Hvoreckys Protagonist ist der internet- und pornosüchtige Fotograf Irvin Mirsky. Den sexuellen Missbrauch, den er als Kind erlitten hat, kompensiert er mit dem exzessiven Besuch von Porno-Webseiten.

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