Die wichtigsten Uraufführungen in nationalen und internationalen Opernhäusern – ein erster Blick hinter den Vorhang
Sieben mal sieben

Ob die Frischzellenkur gelingt? Mit einer Fülle von Uraufführungen und Auftragsopern gibt sich das Musiktheater der Spielzeit 2005/2006 als Kind des 21. Jahrhunderts zu erkennen. Gerade wurde an der Deutschen Oper Berlin mit Isabel Mundrys „Odyssee – Ein Atemzug“ die neue Saison eröffnet.

Das Auftragswerk ist symptomatisch: choreografisch bebilderte Raumklänge in transparenter Orchestrierung und kleiner Besetzung, die sich in ihrem subtilen Klangspektrum deutlich von dem üppigeren Apparat der klassischen Programmsäulen Händel, Verdi, Wagner, Richard Strauss absetzt.

Gerade hat die Berliner Staatsoper in ihrem Magazingebäude den nächsten Coup gestartet. Sie hatte nach einem Libretto des amerikanischen Autors Jonathan Safran Foer von sieben jungen, internationalen Komponisten sieben maximal 15-minütige Kurzopern für 15 Instrumente schreiben lassen. Die sieben Regisseure, darunter Intendant Peter Mussbach, realisieren ein Verfahren, das die Gattung Oper von innen heraus aufbricht und pluralistisch auffächert.

Auch an anderen deutschen Opernhäusern herrscht Uraufführungsstimmung, vor allem in der zweiten Hälfte der Spielzeit. Eines der seltenen Opernprojekte, die Themen der Zeit behandeln, wird im Mai 2006 von der Dresdner Semperoper umgesetzt: „Dead Man Walking“ des Komponistenduos Jake Heggie und Terence McNally begleitet einen zum Tode verurteilten Mörder auf seinem letzten Weg.

In der Regie der Konwitschny-Schülerin Tatjana Gürbaca hebt die Leipziger Oper am 6. Mai 2006 die Oper „Der schwarze Mönch“ (nach einer Tschechow-Novelle) des französischen Melodikers Philippe Hersant aus der Taufe.

Ebenfalls im Mai nächsten Jahres wird in Stuttgart die Literaturoper „Pastorale“ des Franzosen Gerard Pesson nach einem barocken Schäferroman von 1627 uraufgeführt. Eine Komposition, die mit ihrem Pausenreichtum und metrischen Eigenwilligkeiten nachhaltig unser Zeitgefühl verstören will. Nicht nur die zeitgenössische Oper prägt die neue Spielzeit. Der 250. Geburtstag Mozarts wirft einen langen Schatten auf die Programme, die von Hamburg bis Zürich, von London bis Paris Neuinszenierungen anbieten. Allen Spielorten voran die Salzburger Festspiele 2006 mit der Aufführung sämtlicher Mozart-Opern von „Bastien und Bastienne“ bis zur „Zauberflöte“.

An der Pariser Nationaloper werden die drei da-Ponte-Opern in den Spielplan gehoben. Am 12. September 2006 ist die Premiere von „Cosi fan tutte“ in der Regie von Patrice Chereau. Später folgt „Don Giovanni“ (Regie Michael Hancke). Im März beschließt Christoph Marthaler den Zyklus mit der „Hochzeit des Figaro“.

Das Züricher Opernhaus stellt wie andere große und mittlere Bühnen weniger prominente Werke des Salzburger Genies in den Mittelpunkt seiner Mozartpflege. Zum Beispiel „Lucio Silla“ und „La finta giardiniera“, die Nicolaus Harnoncourt in der ersten, ungeglätteten Fassung einstudiert (Regie führt der Schauspieler Tobias Moretti).

Besondere Aufmerksamkeit verdient noch die „Cosi“, die am 20. November in der Komischen Oper Berlin von Peter Konwitschny neu belebt wird.

Ein weiteres gefeiertes Geburtstagskind ist 2006 Hans Werner Henze, der mit seinem mythologischen Hauptwerk „Die Bassariden“ in der ursprünglichen englischen Version in der Nederlandse Opera in Amsterdam auf dem Programm steht. Es inszeniert Peter Stein, es dirigiert der neue Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher.

Gerade eröffnete die Kölner Oper unter der neuen Intendanz von Christoph Dammann die Spielzeit mit demselben anspruchsvollen Werk.

Während Opern von Benjamin Britten sich einen festen Platz im Repertoire erobern, stand Paul Hindemith stets im Schatten seiner omnipräsenten Zeitgenossen Richard Strauss und Alban Berg. Bergs „Wozzeck“, in der Regie des katalanischen Enfant terrible Calixto Bieito, beendet im Juni 2006 die Intendanz von Albrecht Puhlmann. Hindemiths Künstleroper „Mathis der Maler“ steht programmatisch am Beginn der ersten Spielzeit, die die neue Hamburger Generalmusikdirektorin Simone Young verantwortet (25. September). Der 1925 komponierte „Cardillac“ wird in der Pariser Bastilleoper und in Bonn reanimiert. Neben der Barockmusik, die auch mit ausgegrabenen Werken – wie dem „Aeneas“ von Joseph Martin Kraus in Stuttgart – immer stärker nach vorne kommt, hat sich die Oper des 20. Jahrhunderts von Schönberg bis Berio im Dauerrepertoire fest verankert.

Giuseppe Verdi ist mit seinen Reißern aus der mittleren Periode etwas in den Hintergrund gedrängt. Einzige Ausnahme ist „La forza del destino“. Dafür feiert jetzt der von Komponisten selbst hoch geschätzte, aber selten aufgeführte „Simon Boccanegra“ szenische Auferstehung in Hamburg. Aber nicht nur dort, sondern auch an der Pariser Bastilleoper und in Amsterdam, wo Peter Mussbach diese baritonträchtige Dogenoper zu neuem Leben erwecken will.

Ziele für notorische Wagner-Pilger: „Lohengrin“ am 3. Dezember in der Regie von Barrie Kosky an der Wiener Staatsoper. Weitere Wagner-Highlights: „Der fliegende Holländer“ in München, der neue Leipziger „Parsifal“ (8. April in der Regie und im Bühnenbild des Schweizers Roland Aeschlimann) und die Fortsetzung des Londoner Covent-Garden-„Ring“ in der Regie von Keith Warner. Einen komplett neuen „Ring“ stemmt Robert Wilson in einem Rutsch vom 19. Oktober („Rheingold“-Premiere) bis zum 28. Januar („Götterdämmerung“).

Zyklische Aufführungen der Wagner-Tetralogie gibt es wieder in Stuttgart, Köln und Amsterdam. Zu den Großtaten der Saison gehört das Gastspiel des Nürnberger Staatstheaters mit dem kompletten Ring im Oktober 2005 in der Volksrepublik China.

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