Digitale Fotokunst
Mischwesen aus der Paintbox

Irritierende Eingriffe am Körper, Vervielfachungen oder Überblendungen – Künstler greifen gern in die Trickkiste der digitalen Fotografie.

Das Staunen über das Es-ist-so-gewesen der Fotografie ist eines der hartnäckigsten Versprechen des Mediums seit seiner Erfindung vor 164 Jahren. Nun aber ist endgültig Schluss mit dem allzu bereitwilligen Glauben an seine Authentizität. Künstler und Werbegrafiker treiben die alte Kunst der Bildmanipulation und -erfindung mit digitalen Mitteln auf die Spitze. Spektakulär, schamlos und oft humorvoll.

Die Mutigsten unter den Kreativen greifen tief in die Trickkiste und stellen Weltrekorde auf. Martin Liebscher, Jahrgang 1964 und Absolvent der Frankfurter Städel-Schule, zum Beispiel. 1997 nahm er mit einer digitalen Kamera (Apple Quicktake) das mit 37 Metern längste Gruppenfoto der Welt auf. In jüngster Zeit verblüfft er mit „Familienbildern“, auf denen er selbst in dutzendfacher Verkörperung in den unterschiedlichsten Rollen und Posen auftritt: als Biertrinker in der Kneipe, rauchend, palavernd und mit der Bierflasche am Hals oder als Redakteur im Clinch mit Computertechnik und Manuskripten.

Deutlich weniger humorig, aber ebenso offen benutzt Inez van Lamsweerde die digitale Technik. Etwa wenn sie aus fotografierten Körper-Torsi am Computer gewaltsam verdrehte und aperspektivische Mischwesen kreiiert. In den frühen 90er-Jahren schockte sie mit weiblichen Körpern, denen sie mit Hilfe der Paintbox die Geschlechtsmerkmale entfernt und Hautverschönerungen verpasst hatte.

Meist erregen die digital erzeugten Grenzüberschreitungen zwischen Konvention und Konstruktion indes weniger Schrecken. Beate Gütschow, Jahrgang 1970, generiert aus 20 bis 30 eingescannten Fotos Parklandschaften, die nicht nur optisch, sondern auch methodisch viel Ähnlichkeit mit den landschaftlichen Konstrukten der Malerei im 18. Jahrhundert haben. Malerisch geht auch Luzia Simons zu Werke. Die Brasilianerin macht analoge Schwarzweißaufnahmen vor einer reflektierenden Spiegelfolie und färbt dann einzelne Partien ein.

Der Fotograf Roland Fischer konstruiert seit sieben Jahren aus digitalen Innen- und Außenaufnahmen von Kathedralen Überlagerungen. Sie sehen aus wie fein gesponnene Monumentalmuster und haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Bauzeichnungen.

Künstler sind Bilderfinder. Manche von ihnen auch mit Macht ausgestattete „Bild- Schöpfer“, die Kunstmarktpreise und Begehren anstacheln. Mit verdeckt digital bearbeiteten, pseudorealistischen Werken, denen Zumutungen à la Lamsweerde fremd sind.

Andreas Gursky, erfolgreichster „Schüler“ der Düsseldorfer Professoren Bernd und Hilla Becher, hat sich mit überdimensionalen Überblicksaufnahmen einen Namen gemacht. Gursky führt – fast unmerklich – Regie in allen Details. Er ordnet Architektur, indem er Proportionen streckt, Elemente und Figuren multipliziert und montiert, indem er Farben verteilt.

Thomas Ruff, ebenfalls Becher- Schüler der ersten Generation, hat sich seit 1999 in der Bildserie „nudes“ auf die digitale Bearbeitung von Pornofotos aus dem Internet verlegt.

Wolfgang Herbold benutzt ebenfalls Pornobilder. Aber auch Comic- vorlagen, TV-Stills und Satellitenaufnahmen. Bis zur Unkenntlichkeit verwandelt präsentiert sich das Bildmaterial, nachdem er es durch verschiedene Bearbeitungsprogramme gejagt hat. Das Resultat sind hybride Abstraktionen, die an ferne Galaxien erinnern. Die phantastischen Geburten einer „Transformationsmaschine“.

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