Dirk Sager unterwegs
Reise durch zerrissene Gesellschaften

Mit Kamera, Notizblock und Pelzmütze gerüstet macht sich Dirk Sager auf den Weg von Berlin nach Saigon. Der Fernseh-Korrespondent verlässt die ausgetretenen Pfade anderer Reise-Reportagen und schildert Gesellschaften, die mitten im Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und autoritärer Herrschaft stecken.
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LEIPZIG. Der langjährige Russland-Korrespondent Dirk Sager reist offenbar gerne und er lässt ebenso gerne Fernsehzuschauer wie Leser daran teilhaben. Die 16 000 Kilometer lange Strecke von Berlin nach Saigon im Zug entlang zu rattern, hielt er selbst anfangs für ein "idiotisches Projekt". Der Russland-Kenner wählte nämlich nicht die schon vielfach abgelichtete und mit Reiseberichten geradezu gepflasterte Route über die Transsibirische Eisenbahn. Stattdessen durchquert er südlich von Moskau das russische Hinterland und die weiten Steppen Kasachstans, um China über die nordwestliche Hintertür, die Problem-Provinz Xinjiang, zu betreten. Auch das aufstrebende Land passiert er abseits der geläufigen Metropolen. Das Buch zur Fernsehserie, die ab 27. März im ZDF läuft, hat er auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt.

Die ersten Abschnitte der Reise durch Polen, Weißrussland und Russland muten rückwärts gewandt an. Sager räumt der Suche nach den Nachwirkungen des zweiten Weltkriegs auf die Beziehungen dieser Länder zu Deutschland viel Raum ein. Dabei versteigt er sich jedoch nicht in eine politische Analyse, sondern spürt auf, wie die einfachen Menschen auf der Straße, alt wie jung, zu dem einstigen Kriegsgegner stehen. "Wenn man als Deutscher durch Polen und Weißrussland reist, ist der Blick auf die Geschichte geradezu zwingend", sagt der Autor im Gespräch mit Handelsblatt.com.

In dieser Hinwendung zu historischen Hintergründen sieht Sager den intellektuellen Rahmen seiner Reise. "16 000 Kilometer mit dem Zug zu fahren ist an sich kein Verdienst, außer unter dem Gesichtspunkt, ins Guinness-Buch der Rekorde zu gelangen", sagt der Auslandskorrespondent. "Diese Reise führte mich durch die Länder der drei schrecklichsten Tyrannen des letzten Jahrhunderts: Hitler, Stalin und Mao Zedong", sagt der Journalist. "Wenn man das erkannt hat, kommt man an der Frage der Geschichte nicht vorbei."

Trotz des tiefen Eintauchens in die Spuren der Vergangenheit verliert Sager auf seiner Reise den heutigen Alltag der Menschen nicht aus dem Blick. Besonders eindringlich sind Sagers Beobachtungen aus Kasachstan. Dieses Land ist einerseits in der autoritären Herrschaft von Präsident Nursultan Nasarbajew gefangen. Andererseits erlebte Sager gerade bei den jungen Menschen eine erstaunliche Kraft und Vitalität, die sich aber bislang nur im wirtschaftlichen Aufstieg des Landes und nicht in einem freiheitlichen Umbruch zeigt.

Trotz der oftmals von den jeweiligen Regierungen zugewiesenen Aufpasser gelingt es Sager immer wieder, auch obrigkeitskritische Stimmen einzufangen. Dies mag zwar beispielsweise nur das Schimpfen einiger chinesischer Bauern auf dem Dorffest über ihre Lokalpolitiker sein, doch lüften gerade diese kleinen Beispiele den Vorhang der staatlichen Zensur und gewähren einen Einblick in die Risse des Gesellschaftsgefüges dieser von demokratischen Verhältnissen noch weit entfernten Länder.

Den ganzen Reise-Bericht über wahrt Sager jedoch eine gewisse Distanz. Nie verwendet er die "Ich"-Form. Sager hält sogar an der dritten Person fest wenn er schildert, wie ihm beim Eisfischen am Aralsee im kalten Wind die Arme steif frieren und die einheimischen Fischer ihn mit Wodka wiederbeleben. So umgibt eine Unnahbarkeit die Beschreibung dieses sehr persönlichen Moments, in dem er an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit stößt. Sager erklärt den Aufbau dieser Distanz zum Leser mit seiner langjährigen Arbeit als journalistischer Protokollant für das Fernsehen.

Dirk Sager: Berlin - Saigon. Rowohlt, Berlin 2007, 320 Seiten, 19,90 Euro.

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