Diskussion wird sachlicher
Der Fall Grass und seine Vorläufer

Langsam verzieht sich der Pulverdampf um Günter Grass Enthüllungen über seine Nazi-Vergangenheit und die Diskussion wird sachlicher. Das war nicht immer so, noch vor nicht allzu langer Zeit fielen die „Hetzjagden“ auf Politiker, Künstler und Intellektuelle, die durch Nazi-Verstrickungen auffielen, deutlich heftiger aus.

HB HAMBURG. „Wie sollen wir der gefolterten und ermordeten Widerstandkämpfer, wie sollen wir der Toten von Auschwitz und Treblinka gedenken, wenn Sie, der Mitläufer von damals, es wagten, heute hier die Richtlinien der Politik zu bestimmen?“ Diese rigorose Mahnung, am 1. Dezember 1966 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlicht, stammt von Schriftsteller Günter Grass. Gerichtet hat der sie vor 40 Jahren an Kurt Georg Kiesinger (CDU) kurz vor dessen Wahl zum Bundeskanzler. Grass' Vorwurf war der Höhepunkt einer Diskussion, die die Amtszeit des Ex-NSDAP-Mitglieds Kiesinger überschattete.

Vier Jahrzehnte später geht die Öffentlichkeit mit den schwärzesten Jahren der deutschen Geschichte allgemein sachlicher um, versucht zu differenzieren. Auch im Fall Grass: Der Fakt allein, dass er einige Monate lang Mitglied der Waffen-SS war, steht nicht im Zentrum der Kritik - wohl aber der Umstand, dass Grass mehr als 60 Jahre lang zu diesem Aspekt seiner Vergangenheit schwieg. Noch in jüngerer Vergangenheit war der Umgang mit Nazi-Enthüllungen anders. Seit 1945 werden immer wieder Politiker, Industrielle, Künstler und selbst Sportler mit ihrer mehr oder weniger starken Verstrickung in die Diktatur konfrontiert, meist unfreiwillig.

Der von Historikern wohl am meisten zitierte frühe Fall war der von Kanzleramts-Staatssekretär Hans Globke. 1935 hatte er einen Kommentar zu den NS-Rassengesetzen geschrieben, auch vom Holocaust wusste er nach eigenen Worten. Andererseits wurde er nie Mitglied der NSDAP und suchte Kontakt zum Widerstand. Als Staatssekretär unter Konrad Adenauer (CDU) und bis zu seinem Tod 1973 war Globke Zielscheibe scharfer Kritik. Politische Gegner und auch die DDR brandmarkten den Fall Globke als Synonym für eine angeblich scheinheilige Vergangenheitsaufarbeitung in der Adenauer-Zeit. Im Gegensatz zu Fällen wie Theodor Oberländer - Teilnehmer am Münchner Hitlerputsch 1923, NSDAP-Mitglied seit 1933, Bundesvertriebenenminister von 1953 bis 1960 - haftete der Fall Globke auch heute noch vielen im Gedächtnis.

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