Documenta, Art Basel, Kunstbiennale
Kunstsammler auf „Grand Tour“

Für Kunstfreunde hat am Sonntag in Venedig ein ganz besonderes Kunstjahr begonnen: „Grand Tour 2007“ heißt das Ereignis. Denn nur alle zehn Jahre fallen die Kunstbiennale in Venedig, die documenta in Kassel, die „Art Basel“ und die Skulptur Projekte Münster zusammen.

HB VENEDIG. Zum Startschuss am Canal Grande sind nicht nur zahlreiche Kunstbegeisterte und Journalisten gekommen, sondern auch viele Sammler aus aller Welt, die mit ihren Mega-Yachten in der Lagune anlegen und auf der Jagd nach neuen Schmuckstücken für ihre privaten Kollektionen sind.

Was sie erwartet ist ein eindrucksvolles Kunstfest, das sich nicht nur auf die Hallen des Arsenale und den Park der Giardini beschränkt, sondern von ganz Venedig Besitz ergriffen hat. Und eines Eindrucks werden sie sich in diesem Jahr nicht erwehren können: Es ist unmöglich geworden, vor den Dramen der Welt die Augen zu verschließen. Es bewegt sich etwas. Hatten schon die Mächtigen beim G8-Gipfel in Heiligendamm Afrika und den Klimawandel ganz oben auf ihre Agenda gesetzt, scheinen sich nun auch Künstler aus aller Herren Länder mit den brennenden Problemen der Welt auseinander zu setzen.

Aber was besonders überrascht ist die Art und Weise, in der die politischen Botschaften verbreitet werden: Schock-Kunst ist „out“, eine neue Ästethik und geradlinige Ehrlichkeit, die das Herz berühren, sind ganz „in“. Die unter der künstlerischen Leitung des amerikanischen Kurators Robert Storr entstandene Schau ist gleichzeitig schön und ergreifend. „Da bekommt man ja direkt wieder Hoffnung für die Zukunft“, raunt eine Besucherin am Ausgang. Jetzt ist plötzlich auch das Motto der 52. Kunstbiennale klar: „Mit den Sinnen denken, mit dem Geist fühlen – die Kunst in der Gegenwart“. Ja, sie ist sinnlich, intelligent und aufrüttelnd, sie regt zum Nachdenken an, diese Schau.

Storr hatte es bereits vorweggenommen: „Jedes Werk wird für sich allein sprechen. Und gemeinsam wird die Wechselwirkung zwischen den Werken – ob diese nun harmonisch oder dissonant ist – die Aufmerksamkeit des Publikums erregen.“ Auch dies scheint ein neuer Trend in der Gegenwartskunst zu sein: Viele beeindruckende Einzelwerke verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk, das den Besucher mit einem bleibenden Eindruck nach Hause schickt, dem er sich nicht entziehen kann. Isa Genzken hat im Deutschen Pavillon „Germania“ ebenfalls zahlreiche Skulpturen aus Alltagsgegenständen zu einem Ganzen verwoben, das vor allem die immer zerstörerischer werdende Tourismusbranche kritisieren will.

Eines der wohl eindringlichsten Werke ist eine Wandinstallation aus 3556 Handzeichnungen, auf denen die Amerikanerin Emily Price die Gesichter von im Irak und Afghanistan gefallenen US-Soldaten im Kleinformat darstellt. Im Internet forschte Price zudem auf Seiten von Familienangehörigen nach Charaktereigenschaften jedes Einzelnen, die sie handschriftlich unter dem Porträt verzeichnet. „Er liebte das Leben“, ist da zu lesen. Die amerikanische Konzeptkünstlerin Jenny Holzer setzt großformatige Leinwände dagegen, auf die sie Totenscheine getöteter afghanischer Soldaten gezogen hat.

Daneben gibt es Fotos von einem völlig zerbombten Beirut aus dem Jahr 1991 – die denen aus dem Jahr 2007 erschreckend ähneln. Bilder von Maschinengewehren des Typs AK-47, Fotografien von Minenfeldern in Südkorea und Sarajevo, Atompilze und „Explosions“ aus Algerien sowie einen Jungen, der in einem Video vor dem ehemaligen Hauptquartier der jugoslawischen Streitkräfte in Belgrad mit einem Totenkopf Fußball spielt. Titel: „Bouncing Skull“. Der Kolumbianer Oscar Munoz zeigt Zeichnungen aus Wasser, die sich in dem Moment wieder auflösen, in dem sie beendet sind - Metapher für die unzähligen Desaparecidos, die in seinem Heimatland einfach verschwunden sind.

Neben den ernsten Themen können die Besucher bis zum 21. November aber auch Witziges in der Lagunenstadt sehen, so etwa die Installation aus 51 Neonleuchten des Amerikaners Jason Rhoades. Die Schriftzüge sind allesamt Übersetzungen des Wortes „Vagina“ in verschiedene Sprachen - von „Thatch Hatch“ bis „Pink Panther“.

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