Documenta in Kassel
Wo Wind zur Kunst wird

Heute eröffnet die 13. Documenta in Kassel – für 100 Tage. Nach sprödem Entrée überrascht die Ausstellung mit starken, politischen Arbeiten. Nirgendwo ist der Kunstbegriff so weit gefasst. Ein Rundgang.
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Düsseldorf/KasselDas Feindbild ist klar: Enthemmte Wirtschaft und Finanzmärkte, Krieg und Vertreibung. Die 13. Documenta, die ab Samstag für 100 Tage geöffnet hat, kämpft dezidiert für eine andere Welt. So verzichtet die künstlerische Direktorin Carolyn Christov-Bakargiev demonstrativ auf Apple Computer und hat den Ausschank von Coca Cola untersagt. Weil sie die Politik dieser Global Player nicht mag.

Die Amerikanerin mit der Lockenfrisur steht dem Glauben an wirtschaftliches Wachstum grundsätzlich skeptisch gegenüber. Das passt zur einer Zeit, in der die Piraten als Partei ernst genommen werden müssen und die Occupy-Bewegung sich neu aufstellt und ständig Zuwächse verzeichnet. Dabei wurde die Direktorin mit dem Spitznamen CCB schon Ende 2008 nach Kassel berufen.

Wer schöne Bilder und gefällige Kunstwerke konsumieren möchte, wird in Kassel erst einmal gründlich verschreckt. Denn gleich im ersten Raum des Fridericianum, einem der vier zentralen Ausstellungsstätten, bläst dem Besucher zur Begrüßung ein ziemlich kalter Wind ins Gesicht.

Nichts als Böen spürt er, zunächst kaum wahrnehmbar, zumal, wenn er aus unwirtlichem Regenwetter herein kommt. Der weiträumige Saal ist absolut leer. Alle Besucher suchen Kunst und sehen rein gar nichts. Erst die Beschriftung sorgt für Erkenntnis. Aha: Der junge Brite Ryan Gander lässt tatsächlich nichts als eine „Brise" durch eine ganze Raumfolge wehen. Ziemlich dürftig für den Auftakt der weltweit wichtigsten Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst.

Was am Anfang als Ärgernis wirkt, nämlich die provokativ gestellte Frage: „Ist Wind Kunst?“ erweist sich am Ende jedoch tatsächlich als Anstoß zu einem verloren gegangenen, anderen Naturbegriff, den wir heute wiedererlangen sollten. Den formuliert auf dem über die ganze Stadt verteilten Ausstellungsparcours beispielsweise Italiens Altmeister Giuseppe Penone mit seinem sinnlichen Umgang mit Holz und Stein oder auch Jimmie Durham mit eigens in der Karlsaue gepflanzten Apfelbäumen. Der Cherokee-Indianer pflanzte u.a. eine jener Sorten an, die Pfarrer Korbinian Aigner im KZ Dachau gezüchtet hatte. Der renitente Gottesmann hatte sich seinerzeit geweigert, Kinder auf den Namen Adolf zu taufen und sich generell Nazianweisungen standhaft widersetzt.

Jimmie Durham unterläuft mit seiner von indianischem, naturverbundenem Denken geprägten Kunst gern westliche Vorstellungen davon, wie Kunst zu sein und sich zu präsentieren hat. Der aus dem Korbiniansapfel und einen schwarzhäutigen Arkansas Black Apple gepresste Saft ist auf der Documenta zu haben schmeckt übrigens köstlich.

Kern der Mammutschau mit mehr als 160 Künstlern an über 20 Orten in der Stadt und in rund 30 Holzpavillons in der Karlsaue ist die Frage: „Wie können wir uns die Welt neu, d.h. anders vorstellen?"

Diese Frage stellt die weltweit arbeitende Kunsthistorikerin Christov-Bakargiev nicht nur den ausgestellten Künstlern, sondern auch Physikern und Biologen, Experten für erneuerbare Energien und Philosophen. Deren ausführliche Überlegungen füllen den ersten von drei Katalogbänden. Die Begründung der eloquenten Chefin für dieses Vorgehen: „Wir müssen über die Kunst hinausgehen, um zum eigentlichen Kern der Kunst und damit zu den gesellschaftspolitischen Fragestellungen der Gegenwart zu gelangen".

Auf der Pressekonferenz gibt die 54-Jährige Feministin mit bulgarisch-italienischen Wurzeln noch keck und bewusst provozierend zu Protokoll: „Ich habe kein Konzept". Doch ihr Motto "Collapse and Recovery" ist der rote Faden zu manchmal doch arg heterogenen Kunstwerken. Gerade hier in Kassel, der geschundenen Stadt seien die geschichtlichen Voraussetzungen ideal, um "über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft nachzudenken", beharrt Chefin CCB auf ihrem Ansatz.

Kommentare zu " Documenta in Kassel: Wo Wind zur Kunst wird"

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  • In weisser Voraussicht hat die Stadt Kassel schon vorab 194 Schrotthändler eine Gewerbegenehmigung erteilt.

  • Wenn sie Kunst so verengt sehen, bestätigen Sie nur mein Vorurteil über Sie. Aber fröhnen Sie ruhig weiter ihren geistigen Grenzen. Dann machen Sie wenigstens nichts schlimmeres.

  • Wer einen Schrotthaufen oder einen Erdhaufen vor der schönen Oragerie in der Karlsaue als Kunst bezeichnet der ist mit Verlaub bekloppt.

    Empfehlenswert ist hingegen ein Besuch der Gemäldeausstellung im Schloss Wilhelmshöhe.

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