Documenta
Keine Kunst ohne Risiko

Statt Gemälde oder Skulpturen auszustellen, entschied sich der chinesische Starkünstler Ai Weiwei für ein Experiment mit den Kulturen. Unter dem Titel „Fairytale“ bringt er 1 001 Chinesen zur Documenta nach Kassel – der erste Trip seiner Landsleute in die Freiheit. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

KASSEL. Von Uniformen haben sie genug in ihrer Geschichte. Die sind abgelegt. Angesagt sind bei Fang, Yu und Xuan asymmetrischer Haarschnitt, Tanktop und Minirock, Kargojeans und lila Polohemd. Und wenn die jungen Chinesen in Kassel unterwegs sind, dann in kleinen Gruppen und nicht in Massen – schön, dass eine Kunstschau unsere vorgefertigten Bilder im Kopf über den Haufen werfen kann.

Wenn der Galerist Fang Fang und Li Yu, Redakteurin einer Kunstzeitschrift, durch die Stadt flanieren, gehen sie im bunten Kunstvolk auf – oder vielmehr unter. Die Kasselaner sind freundlich und grüßen mit einem „Nihaa“ – hallo. Mehr passiert nicht. Noch nicht? Fang, Yu und Guo Yi Xuan, die Schwangere, die als Consultant arbeitet und nur gegen den erbitterten Widerstand ihrer Schwiegermutter nach Deutschland reisen durfte, sind mit 197 weiteren Chinesen keine normalen Touristen. Sie sind Teil einer Kunstaktion von Ai Weiwei, eines Projekts der Superlative, zumindest was Konzept, Umfang und Kosten betrifft.

Am Samstag öffnet die 12. Documenta in Kassel ihre Pforten. 100 Tage lang kann das aufgeschlossene Publikum staunen und entdecken, was Künstler sich so alles ausdenken. Immer noch gilt die Documenta, die alle fünf Jahre stattfindet, als wichtigste Ausstellung zur internationalen Gegenwartskunst.

Ins Leben gerufen wurde sie 1955 von dem Philosophen und Kunsthistoriker Arnold Bode. Er wollte den Besuchern der Bundesgartenschau einst im kriegszerstörten Kassel jene Kunstströmungen zeigen, die unter den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt waren: den Expressionismus und die Abstraktion. Bodes Ausstellung wurde ein großer Erfolg und aus der einmaligen Schau eine regelmäßige Großveranstaltung.

Auch heute noch ist es eine Ehre für jeden Künstler, mit dabei zu sein auf dieser weltweit beachteten Ausstellung. Der chinesische Starkünstler Ai Weiwei bekam vom künstlerischen Leiter der 12. Documenta, Roger Buergel, eine der begehrten Einladungen. Doch statt Gemälde oder Skulpturen auszustellen, entschied sich das Multitalent Ai für ein Experiment mit den Kulturen. Unter dem Titel „Fairytale“ bringt er 1 001 Chinesen nach Kassel.

Gefunden hat er die Projektteilnehmer über seinen Weblog. Schon nach zwei Tagen musste er die Einladung herausnehmen: 3 000 Landsleute waren dem Aufruf gefolgt und hatten sich für die Reise ins ferne Deutschland beworben. 99 Fragen siebten die hartnäckig Entschlossenen aus. Sie sollten Auskunft geben über ihre Träume, ihre Kenntnis über Deutschland und seine Kultur. Doch nur wenige der angereisten Chinesen können tatsächlich ein deutsches Gedicht aufsagen. Das war auch nicht das Entscheidende.

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