Documenta
Kunst mischt sich wieder ein

Die Documenta 12 setzt auf Politik als Inhalt der Kunst und auf den Betrachter, der Verantwortung übernimmt. Die Kunstschau gibt sich Politisch, weiblich und global. Und Roger M. Buergel, der künstlerische Leiter, und seine Frau, die Kuratorin Ruth Noack, haben nicht nur den Kunstbegriff verändert.

KASSEL Es ist wieder Documenta in Kassel. Die Kunst erobert sich maximalen Raum. Seitlich aus dem Museum Fridericianum stoßen Stahlrohre aus dem Gemäuer, das aus der Epoche der Aufklärung stammt. Wie Tentakel winden und krümmen sich die Rohre, halten dazwischen eine Art Plexiglas-Segel gespannt und verschwinden dann wieder ins Piano nobile.

Die so vorwitzige wie überraschende Skulptur lockt den Stadtbesucher von der Straße hinein in die erste Station der Documenta 12. Hier entfaltet die Brasilianerin Iole de Freitas dann die ganze Wucht ihrer wellen- und spiralförmig angelegten Großskulptur. So wie Rohre mit opaken und transparenten Segeln durch den hohen Raum „tanzen“, verströmt das Kunstwerk positive Energie. Der Schwung der eigens für diesen Raum geschaffenen Skulptur reißt den Betrachter mit. Das tut auch das Video „Lovely Andrea“ von Hito Steyerl. Scharenweise lassen sich BesucherInnen von der Künstlerin, die in jungen Jahren als bondage girl gearbeitet hat, in das komplexe Thema japanische Fesslungskünste, Pornobilder und Sexarchive einführen.

Sie erzählt zwar eine private Geschichte, macht aber vor Abu Ghraib und Guantanamo nicht halt. Denn die Kunst der Knoten gehört für Steyerl in den großen gesellschaftlichen Kontext: „Ich spinne, du spinnst, wir sind verbunden. Netzwerke und webs, Seilschaften und Abhängigkeiten: wir sind drin“.

Mit Iole de Freitas und Hito Steyerl sind die Grundtöne dieser Documenta angeschlagen. Roger M. Buergel, der künstlerische Leiter, und seine Frau, die Kuratorin Ruth Noack, bringen erstmals bei einer Großveranstaltung ebenso viele Künstlerinnen wie Künstler ins Gespräch und verankern die Kunst fest in der Gesellschaft, bei engagierten Künstlern und Betrachtern, die Verantwortung für ihr Umfeld übernehmen sollen.

Darüber hinaus blicken sie nicht nur auf die unmittelbare Gegenwart, sondern auch zurück. Bei Buergel geht das bis ins 14.Jahrhundert. Aus dieser Zeit entdeckte er eine hübsche Miniatur, die chinesische Landschaftselemente mit persischen verband – als die Mongolen das persische Reich eroberten. Sie liefert ihm einen Schlüssel für die Ausstellung. Akademiker durch und durch nennt er sie „die Migration der Form“. Darunter versteht Buergel, dass in Natur und Kunst, in verschiedenen Erdteilen dieselbe Form vorkommen kann. Auch wenn sie in unterschiedlichen Kontexten andere Bedeutung haben kann, soll der Betrachter sie in Kassel nur mit den Augen genießen.

Das funktioniert in der raumfüllenden Installation aus massenmedialen Fotos des Kanadiers Luis Jacob noch ganz gut. Peinlich platt wird es in der Gemäldegalerie in Schloss Wilhelmshöhe. Dorthin hängt Buergel Porträts von Afrikanern, gemalt von Kerry James Marshall, unter Barockmythologien mit „Mohren“. Die Nähe zu Rembrandt ist auch Sofia Kulik nicht gut bekommen. Ihr Foto-Selbstbildnis in schwarz-weiß als Tudorlady besteht aus ornamentierten Mybridge- und Blossfeldt-Zitaten. Wo in Porträts von Rembrandt auch noch nach 350 Jahren Leben pulsiert, erstarrt die sechzigjährige Polin aschgrau in abgezirkelten Gesten.

Sheela Gowda aus Indien strukturiert Räume mit kilometerlangen pigmentgefäbten Kordeln. Um die Migration der Form zu veranschaulichen, wären Arbeiten von Eva Hesse notwendig, der großen, früh verstorbenen US-Künstlerin, die mit Plastikbändern umging wie niemand vor oder nach ihr. Doch Eva Hesse fehlt. Da bestanden wohl Berührungsängste zur Nachlassverwaltung in der Galerie Hauser & Wirth.

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