Documenta stellt sich hohe Ansprüche
Peripherie-Künstler statt Popstars

Roger Martin Buergel ist der Macher der Documenta und steht vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss seine Schau durch schweres Fahrwasser führen. Im Sommer sind gleich vier große Ausstellungen moderner Kunst, bei Sponsoren sitzt das Geld längst nicht mehr so locker und der modernen Kunst fehlen die Popstars. Doch Buergel erhebt die Not zur Tugend.

HB KASSEL. Bei aller Fröhlichkeit wirkt Roger Martin Buergel übermüdet und sieht aus, als habe er Gewicht verloren. „Mit der Ausstellung hat das aber nichts zu tun. Da bin ich vollkommen unaufgeregt“, sagt der 44-Jährige lächelnd. Grund zum Lampenfieber hätte er: Am Samstag beginnt in Kassel mit der documenta die weltweit wohl wichtigste Ausstellung moderner Kunst. Macher der zwölften Auflage der Schau seit 1955 ist der zuvor in Wien lebende Buergel.

Er muss seine documenta durch schweres Fahrwasser führen. Durch eine seltene Konstellation finden im Sommer gleichzeitig vier große Ausstellungen moderner Kunst in Basel, Venedig, Münster und eben Kassel statt. Bei Sponsoren sitzt das Geld für Kultur längst nicht mehr so locker wie früher, und der modernen Kunst fehlen die Popstars. Wussten vor einer Generation selbst Kunstverächter etwas mit Namen wie Joseph Beuys, Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Claes Oldenburg anzufangen, fehlen heute die Stars, die immer auch Aufreger und damit Besuchermagneten waren.

Der Ausstellungsmacher erhebt die Not zur Tugend. Auf Namen lege er keinen Wert, er suche lieber „in der Peripherie“ nach Künstlern, sagt Buergel gern. Die documenta müsse „marktfern“ sein, ein Gegenpol zu dem, was viele Sammler „mit ihrem Fetischismus und ihren Obsessionen“ anhäufen. Entsprechend sucht man auf der Künstlerliste der „d12“ vergeblich nach Stars.

Die „Peripherie“, das ist für Buergel Südamerika, Afrika, Asien. Die meisten der bereits bekannten d12-Werke kommen aus genau diesen vom Kunstmarkt wenig beachteten Regionen. Ein Werk zirkuliert schon seit neun Monaten durch die Welt. Der Brasilianer Ricardo Basbaum hatte zehn gleichartige Blechwannen entworfen, die an Haushalte gegeben wurden. Jeder soll sie auf seine Weise nutzen, ob als heimische Kunst oder Fußbadewanne. Dann gehen die Exponate an die documenta zurück. „Die Umkehr des Kunstgedankens“, erläuterte Basbaum seine Idee: „Jetzt ist das Publikum der Sender und der Künstler der Empfänger.“

Höchst beweglich wird das Werk von Ai Weiwei. Der Chinese will 1 001 Landsleute zur documenta bringen. Nicht in einem konkreten Kunstakt, die Chinesen sollen einfach durch Kassel laufen, wie Touristen. „Sie können sich frei bewegen und sollen eher nicht im Block herumlaufen“, erklärt der 50-Jährige sein Projekt. Die Menschen – „Bauern, Arbeiter, Verkehrspolizisten“ – seien aber Teil eines Kunstwerkes und dürften Kassel nicht verlassen.

Selbst einen Koch hat documenta-Chef Buergel geladen – nicht zur Beköstigung, sondern zur Erbauung. Ferran Adrià Acosta betreibt seit 1984 sein Restaurant „El Bulli“ an der Costa Brava, in Kassel soll der Spanier die Kunst der Molekulargastronomie – des Kochens unter Beachtung chemischer und physikalischer Prozesse – präsentieren. Auf Häppchen können die Besucher nicht hoffen, Adriàs Arbeit wird abstrakter sein.

Eher orthodox, wenn auch nicht aus künstlerischer Sicht, ist das Exponat von Sakarin Krue-On. Der Thailänder hat die Wiese vor dem Schloss Wilhelmshöhe auf 7 000 Quadratmetern in Terrassen verwandelt und Reis anpflanzen lassen. Die documenta-Macher hoffen auf eine Blüte inmitten der documenta und eine bescheidene Ernte an deren Ende. Doch ob die Pflanzen wirklich aufgehen ist ebenso ungewiss wie bei Sanja Ivekovic. Die 58-Jährige Kroatin hat auf dem zentralen Kasseler Friedrichsplatz – zur Freude der Tauben und Krähen – Mohn sähen lassen.

Buergel betont gern, dass für ihn der Bildungsauftrag im Vordergrund steht. „Es kann sein, dass man zeitgenössische Kunst nicht versteht. Das wollen wir ändern.“ 60 Prozent der documenta- Besucher sind Kunstlaien. Entsprechend soll es keine einstündigen Führungen mehr geben, weil man für die selbst nur grobe Vermittlung mindestens zwei Stunden brauche. Wer will, kann sich einen iPod ausleihen, und sich seine mündliche Führung selbst zusammenstellen. Zudem soll es Touren für spezielle Zielgruppen geben, etwa für Russlanddeutsche oder für von Krebs geheilte Frauen. Und Kinder sind in doppelter Hinsicht ein Thema: Zum einem gibt es spezielle Programme für Kinder, zum andern sollen auch Schüler Erwachsene durch die Weltausstellung abstrakter Kunst führen.

Die erste Resonanz von Fachleuten und Journalisten war positiv. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erhofft sich „Eine Entdeckungsreise. Ein Bildungserlebnis. Ein Kunstereignis.“ Und „Der Spiegel“ erwartet, dass Buergel mit der d12 als zugleich „Gesamtkunstwerk, Globalisierungsgipfel und Kunstunterricht auf Weltniveau“ für Aufruhr sorgt. Einen hohen Anspruch hat Buergel an sich und die documenta selbst: „Wir sind die Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Hier werden die Modelle erschaffen, die die nächsten 20, 30 Jahre das Kunstgeschehen bestimmen. Wenn wir das nicht leisten, sind wir tot.“

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