Dominic Midgley und Chris Hutchins stellen den Russen Roman Abramowitsch vor: Besitzer des FC Chelsea und Herr vieler Öl-Milliarden
Gebrauchsanweisung für Oligarchen

Wie werde ich Oligarch und verdiene Milliarden? Schritt eins: Studieren Sie die Lebensgeschichte des Russen Roman Abramowitsch. Schritt zwei: Lernen Sie Russisch. Schritt drei: Stellen Sie sich gut mit Russlands Präsidenten Putin. Dann könnte etwas daraus werden.

Die britischen Journalisten Dominic Midgley und Chris Hutchins haben eine atemberaubende Biografie über den Milliardär verfasst, der im Schnellverfahren vom einfachen Ölhändler zu einem der reichsten Männer Russlands wurde. Denn dieser ökonomische Tausendsassa hat eine Nase für Politik. Er verbrüderte sich einst mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin. Und tut das jetzt auch mit Wladimir Putin. Deshalb ist Abramowitsch noch auf freiem Fuß, sagen Midgley und Hutchins. Während sich Oligarchen-Kollege Michail Chodorkowski längst im Knast befindet.

Die beiden Briten haben in ihrer Biografie langsam konzentrische Kreise um den Mann gezogen, der bis vor kurzem in Westeuropa völlig unbekannt war. Bis das Phantom den britischen Fußballclub FC Chelsea kaufte und sich in Sussex niederließ. Da werden Privates und Persönliches mit harten wirtschaftlichen Fakten zum faszinierenden Bild eines knallharten Überfliegers gemischt.

Abramowitsch, der Waise, der bei seinem Onkel aufwuchs. Der treu sorgende Familienvater von fünf Kindern. Der harte Geschäftsmann, der sich mit Sibneft nicht nur einen der größten russischen Ölkonzerne unter den Nagel riss, sondern auch noch seinen früheren Mentor Boris Berosowski kaltstellte.

Dabei hat Roman Abramowitsch den Autoren kein Interview gegeben. Sie mussten sich auf Gespräche mit seinem Pressechef, Geschäftspartnern, früheren Nachbarn und seiner Ex-Frau Olga verlassen.

Gleichsam nebenbei beweisen Midgley und Hutchins, dass Wirtschaftsbücher gut geschrieben sein können. Nur die Übersetzung hakt manchmal ein wenig. Die zarte Ironie, mit der die Journalisten Abramowitschs Transaktionen beschreiben, und ihr Erstaunen angesichts der Dreistigkeit des Porträtierten sind lesenswert. Reich werden mit Abramowitsch heißt: Steuern sparen und Aktien verkaufen, gerne am Rande der Illegalität.

Reich wurden die russischen Geschäftsleute, weil Jelzin dringend Penunzen brauchte. Da kam das Prinzip, das der Banker Potanin ausheckte, gerade recht: Kredite gegen Aktien. Die Oligarchen erhielten Aktien der Staatsunternehmen, dafür griffen sie dem Staat mit Geld unter die Arme.

Das Buch ist auch ein Porträt des neuen Russlands, zu dem die bauernschlauen Oligarchen gehören wie die Babuschkas. Oligarchie bedeutet die Herrschaft weniger über viele, ein System, das in Russland seit Jahrhunderten praktiziert wird: „Die ultrareichen ‚Businessmennij' – die Russen benutzen sinnigerweise das englische Wort – haben längst jeden Kontakt mit dem Volk verloren, aus dem sie stammen.“

Dabei gibt sich der Milliardär jüdischer Herkunft durchaus volksnah, zumindest in der sibirischen Provinz Tschukotka, wo er 2000 zum Gouverneur gewählt wurde. Er sicherte sich die Stimmen mit einer zünftigen Wahlparty und Wohltätigkeitsgeschenken. Im Gegenzug nutzte er die Vorteile dieser Steueroase weidlich aus. Spaß machen ihm auch private Machtspielchen: In Nizza liefert sich Abramowitsch mit Milliardär Paul G. Allen, der gemeinsam mit Bill Gates Microsoft gegründet hat, einen Wettbewerb um die längste und komfortabelste Jacht der Welt.

Klar, das Leben ist für reiche Jungs auch manchmal gefährlich, wie Midgley und Hutchins zugeben. Immer diese Angst vor Attentaten, immer Leibwächter um sich herum und dann dieser Putin. Man weiß ja nie, wie er künftig zu den Oligarchen steht.

Abramowitsch hat sich frühzeitig nach England abgesetzt und lernt Polo spielen. Er feuert seinen Verein an, und wie die beiden Autoren wissen, wird er von den Fans dafür geschätzt. Wo das Geld herkam, scheint jetzt egal zu sein. Wer über 88 Millionen Euro für einen Fußballverein ausgegeben hat, darf auch ein wenig Dankbarkeit erwarten.

Dominic Midgley und Chris Hutchins: Der Milliardär aus dem Nichts - Roman Abramowitsch, Murmann Verlag, 320 Seiten, 19 Euro.

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