Drei koreanische Literaturschaffende
Leben in einer Welt der Brüche

Das Innenleben der einsamen Charaktere, der Rhythmus der Großstadt Seoul, die radikale Teilung Koreas, sind die Themen von Jo Kyung-Ran, Hong Sun Wou und Yi Mun-Yol. Wie drei koreanische Literaturschaffende ihr Land sehen.

HB SEOUL. Die Paju-Bücherstadt ist ein Ort der Ideale. 45 Autominuten nördlich von Seoul stehen die modernen kubistischen Holz-, Stahl- und Glasbauten unweit des eisernen Vorhangs nach Nordkorea. "Wir wollen zeigen, dass Bücher ein Mittel sind, uns zusammenzuführen", meint Shim Man-Soo, Gründer und Präsident von Sallim Publishing, einem kleineren Verlag, der hier gerade in sein neues Verlagshaus gezogen ist. Mittlerweile haben sich 150 Verlage und Druckhäuser in der 2003 eröffneten, auf dem Reisbrett geplanten Bücherstadt angesiedelt - der gesamte Produktionsprozess vom Lektorat bis zum Vertrieb soll hier abgedeckt werden. Das lockt ebenso wie die Grünflächen und die Steueranreize.

Ganz in der Nähe wohnt Hong Sung Wou mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. In seinem gestreiften Pullover und mit dem jungenhaften Grinsen sieht der 37-Jährige eher wie ein Student der Elektrotechnik denn ein junger Erfolgsautor aus. Doch Hong hat sich mit seinen Geschichten über das tägliche Chaos der Familie Chong in die Herzen Hunderttausender Leser gezeichnet. Gezeichnet, richtig. Hong ist Comicautor und meint überzeugt: "Ich denke, dass Manhua", so heißen die koreanischen Comics, "wie ein Roman oder ein Gedicht als literarische Form behandelt werden muss". Den Buchmarkt in Korea zumindest dominieren sie. Fast 8000 Comictitel kamen im vergangenen Jahr heraus. Dagegen nur gut 6000 Literaturtitel nach der klassischen Definition des koreanischen Verlegerverbands.

Zwei von Hongs sechs Bänden des Familiencomics "Bibimtoon" werden gerade ins Deutsche übersetzt. Daneben zeichnet er gegen gesellschaftliche Ungleichheit oder erklärt prägende Begriffe des 21. Jahrhunderts. Doch obwohl er so nah an der streng bewachten Grenze zu Nordkorea lebt, habe er an der Teilung des Landes "kein Interesse". Vielmehr interessiert ihn die Sozial- und Gefühlslage im modernen Südkorea. "Meine Botschaft in meinen Büchern ist die Einsamkeit im Alltag, obwohl man eine Familie hat."

Vielleicht ist das der Grund, warum seine Comics Jo Kyung-Ran gefallen, denn mit Einsamkeit kennt sich die 36 Jahre alte Schriftstellerin aus. Es ist ihr Steckenpferd, das Motto, das sich durch ihre acht Romane und die Kurzgeschichten zieht. Wie sie da mit überschlagenen Beinen am Tisch eines Cafés mitten in der nie zur Ruhe kommenden Seouler Innenstadt sitzt, wirkt die charmante Frau mit dem Pagenschnitt zwar nicht so, als ob sie lange allein bliebe. Aber allein und einsam, das sind im modernen Großstadtleben zweierlei Dinge. Und darüber schreibt Jo.

"Ich beschreibe das Innenleben der einsamen Charaktere", sagt die Autorin, von der zwei Bücher auf Deutsch erschienen sind ("Zeit zum Toastbacken" und "Wie kommt der Elefant in mein Schlafzimmer?"). Jo sieht Korea in einer Übergangszeit zwischen alter Tradition und neuer Zeit. "Die Großfamilie ist zerstört, aber ein neues System ist noch nicht entstanden. In dieser Zeit fühlt sich der Mensch sehr einsam."

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