Drouot-Diebstahl
Der dritte Auktionator unter Anklage

Der Kadi rollt das ausgefeilte System mit unterschlagenem Kunstgut im Pariser Versteigerungshaus Drouot auf. Nach den Transporteuren und Lagerarbeitern sind jetzt die Firmenchefs dran.
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ParisIm Rahmen der Diebstähle im Pariser Versteigerungshaus Hôtel Drouot wurde letzte Woche gegen den Auktionator Claude Boisgirard Anklage erhoben. Hintergrund sind Ermittlungen gegen Transporteure und Lagerarbeiter, die sogenannten  „Savoyarden“, die sich Jahrzehnte lang wie berichtet systematisch an der Kunst von arglosen Kunden bereicherten. Boisgirard wird der „Hehlerei, des Diebstahls in organisierter Bande und Verbrecher-Vereinigung“ bezichtigt. Der 71-jährige Auktionator führte mit seiner Tochter Isabelle Boisgirard je ein Auktionshaus in Paris und seit 2002 in Nizza, deren Aktivität der französische Versteigerungsrat am 6. Mai 2011 provisorisch suspendierte.

Für hohe Ämter vorgesehen

Der Versteigerungsrat ist die Aufsichts- und Regulierungsinstanz des französischen Auktionswesens. Seit 2005 gehörte Boisgirard dem Versteigerungsrat an. Er demissionierte  erst nach Erhebung der Anklage. Die Mitglieder des Versteigerungsrates werden vom Justizminister jeweils für vier Jahre ernannt. Boisgirard war einst sogar als möglicher Präsident des Versteigerungsrates im Gespräch, bevor die im Staatsrat residierende und Staatspräsident Sarkozy nahe stehende hohe Beamtin Francine Mariani-Ducray zur Präsidentin ernannt wurde. Claude Boisgirard, Mitglied der Ehrenlegion, ist der dritte angeklagte Auktionator in der Diebstahl-Affäre des Hôtel Drouot. Vier weitere Auktionatoren-Anklagen könnten in den kommenden Tagen und Wochen erfolgen.

Die 110 „Savoyarden“, die in einer juristischen Gesellschaft zusammengefasst waren, wurden im Dezember 2009 nach mehrmonatiger Überwachung von der Polizei-Spezialeinheit „Zentral-Büro des Kampfes gegen den Handel mit Kulturgütern“ des Diebstahls überführt. Wie die seither andauernden Verhöre und Beschlagnahmungen ergaben, entwendeten die „Savoyarden“ systematisch Objekte beim Transport von Nachlässen. Sie lieferten das Diebesgut bei  Auktionatoren ein, die sich nicht um die dubiose Herkunft der Objekte kümmerten und deshalb mitschuldig sind. Die kollektiv angeklagten „Savoyarden“ wurden im Herbst 2010 von Arbeitern der Transportfirma Chénu ersetzt. 

Misstrauen gegen französische Versteigerer

Auch wenn das Ausmaß der Betrügereien im Drouot nicht im Detail bekannt war, das Unbehagen gegen französische Auktionshäuser saß bei französischen Topsammlern schon lange tief. Das schreibt Michel Strauss in seinen gerade erschienenen Memoiren „Pictures, Passions and Eye. A Life at Sotheby’s“ (Halban Publ.). Als Head of Impressionists hatte Strauss diesen Geschäftszweig zu einer Kernabteilung aufgebaut und etliche Großkunden aus Frankreich.   

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