Edgar Degas
Warten auf die reichen Stammkunden

Fast 50 Jahre beschäftigte sich Edgar Degas mit dem weiblichen Akt. Pariser Luxusbordelle lieferten ihm die Motive. Der französische Impressionist schaute scharf hin. Deshalb haben seine Bilder und Skulpturen auch viel über über die Situation der Frau in den sozial benachteiligten Gesellschaftsschichten seiner Zeit zu erzählen. Auf den New Yorker Auktionen erzielen sie Preise bis zu 37 Millionen Dollar. Ein Bericht anlässlich der Ausstellung im Pariser Musée d’Orsay.
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Paris„Die Pastelle von Degas sind Wunderwerke, die man zu Recht mit bunten Schmetterlingsflügeln vergleicht“, urteilte der Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard. Wie recht er mit seiner poetischen Einschätzung hat, zeigt das Pariser Musée d’Orsay mit seiner Ausstellung „Degas und der Akt“. Fast 50 Schaffensjahre deckt die Ausstellung ab. Damit bietet sie eine komplette Übersicht über die Akte des französischen Impressionisten.

Edgar Degas (1834-1917) beobachtete Frauen bei der Toilette und hielt ihre Gestalt mit der innovativen Farbgebung seiner Pastelle auf dem Papier fest. Die gemeinsame Organisation mit dem Bostoner Museum of Fine Arts ermöglichte Leihgaben aus US-Museen und aus mehreren Privatsammlungen, die der umfangreiche Pariser Museumsbestand abrundet.

Fleischliche Ware

Die Pastelle sind Höhepunkte des Degas’schen Schaffens und entzücken die Besucher der Pariser Schau. Degas stellte die entblößten Frauen im intimen Moment nach dem Bad dar und zwar auf bewusst engstem Raum. Für den Hintergrund wählte der Maler Pastellfarben in kräftigen Grün-, Violett-, Blau- oder Orangetönen. Vor ihnen hebt sich die helle Haut seiner Modelle krass ab. Subtiles Licht lenkt den Blick der Betrachter auf den fleischigen Rücken, die Hände und Füße.

Während des Rundgangs wird die ästhetische Innovation der Akt-Darstellungen von Degas klar. Darüber hinaus weisen die Kuratoren auf die soziale Komponente des Werks hin. Mit der Entscheidung, seine Akt-Modelle in ihrer Intimsphäre darzustellen, liefert Degas implizit Informationen über die Situation der Frau in sozial benachteiligten Gesellschaftsschichten seiner Zeit.

Den schärfsten Blick wirft der vermögende Großbürger und hart gesottene Junggeselle in die Pariser Luxusbordelle. Auf seinen schwarzweißen Monotypen, den direkt auf eine Metallplatte gezeichneten und nur einmal druckbaren Graphiken, erscheinen nackte, nur mit Strümpfen und Schuhen bekleidete Frauen. Als fleischliche Ware dargeboten, warten sie auf die reichen Stammkunden. Edgar Degas gehörte zu ihnen. Die damals als pornografisch eingestuften Monotypen waren jahrelang nicht ausgestellt und sind wegen ihrer extremen Lichtempfindlichkeit nur selten zu sehen.

Unbekleidete Tänzerinnen

Die Pariser Schau ist chronologisch gehängt. Sie berücksichtigt alle Ausdrucksmittel, derer sich Degas bediente: Zeichnungen, Pastelle, Gemälde, Monotypen und Skulpturen. Mit den akademischen Zeichnungen und Skizzen des im Louvre kopierenden Degas und den ersten, von der griechischen Mythologie inspirierten Gemälden beginnt der Rundgang. Darunter befinden sich die 1860 bis 1862 gemalten spartanischen Mädchen, die Knaben herausfordern („Petites filles spartiates provoquant des garçons“). Skulpturen nackter Tänzerinnen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts wegen der fortschreitenden Blindheit des Künstlers immer zahlreicher wurden, sind in Vitrinen präsentiert.

Kritikwürdig erscheint die Entscheidung der Kuratoren, Werke mit ähnlichen Sujets von Zeitgenossen wie Pierre Auguste Renoir, Gustave Caillebotte oder Paul Gauguin zu zeigen, da sie selten Arbeiten ersten Ranges auswählten. Der letzte Saal der Ausstellung enttäuscht diesbezüglich besonders.

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Warten auf die reichen Stammkunden

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Arabeske auf rechtem Bein

Kommentare zu " Edgar Degas: Warten auf die reichen Stammkunden"

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  • Sehr geehrte Damen und Herren,
    in den Ausstellungen und mit den Ausstellungen werden die Künstler gewürdigt. Das Publikum erhält Einblick in ein Produkt, dass sich niemand von den Schaulustigen leisten kann und dass ohne die Ausstellungen nur zu dem Vergnügen der Eigentümer existieren würde. Aber gerade das fasziniert den Betrachter, den Bewunderer. Ein Bild für Millionen versteigert. Was hat z.B. Gauguin für die Leinwand, die Farben, die Pinsel gegeben, welche Zeit musste er investieren. Nein diese buchhalterische Rechnung geht nicht auf, das sind nicht die Millionen, von denen man spricht. Es ist der Geist, die Aura, Gauguins Schicksal usw. Es erstaunt, wie viel dahintersteckt.
    Hochachtungsvoll Ihr
    Ole R. Börgdahl

  • Ich vermisse schmerzlich das entspannende Sudoku-Programm.

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