Edouard Manet: Das Gute ist längst vergeben

Edouard Manet
Das Gute ist längst vergeben

Die Ausstellung der Royal Academy in London feiert Edouard Manet als den größten Maler des 19. Jahrhunderts. Sie zeigt aber auch, dass überzeugende Bilder nicht nur auf dem Kunstmarkt knapp sind, sondern auch im Museum.
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LondonÜber 50.000 Karten wurden allein im Vorverkauf für die Edouard Manet-Ausstellung der Royal Academy verkauft. Man ist auf Kurs, neue Besucherrekorde aufzustellen, obwohl die Schau viel kleiner ist als die Ausstellung des Musée d’Orsay 2011 und neben großem Vergnügen auch etliche Irritationen bietet. Die bedeutendsten Werke fehlen, von der fragilen „Olympia“ bis zur „Bar aux Folies-Bergère“, andere wie „Le balcon“ oder das „Dejeuner sur ’l herbe“ sind nur mit Skizzen oder kleinen Versionen vertreten. Es gibt zwei Dutzend großartiger Bilder und manches, von dem man nicht sicher ist, ob der Maler es wirklich ans Licht der Öffentlichkeit lassen wollte. Die Ausstellung zeigt auch, wie schwer man heute an einen guten Manet heran kommt – als Kurator und erst recht als Käufer auf dem Kunstmarkt.

Hochmütiger Dandy

Das beste Bild hängt gleich im ersten Raum. "Le déjeuner dans l'atelier" aus der Münchner Pinakothek zeigt, wie Manet den Bogen von den altmeisterlichen Vorbildern in die Malerei der modernen Welt schlägt. Hinten ein Frühstücksstillleben nach holländischem Muster, ein Rauchender, der aus einem Genrebild kommen könnte, die Frau mit der Kaffeekanne direkt aus einem Bild von Pieter de Hooch – aber ganz vorn steht, als wolle er mit dem Bein die Bildfläche sprengen, Manets mutmaßlicher Sohn Leon-Edouard Koella Leenhoff mit Strohhut und einem Wams in jenem satten Schwarz, das eine Spezialität Manets ist: Ein Dandy, der mit unbeteiligten Hochmut am Betrachter vorbei sieht und das Bild in der Moderne verankert.

Frühstücks-Modell

Erst im letzten Raum trifft man wieder auf vergleichbar dichte Malerei. Er ist Victorine Meurent gewidmet, Manets wichtigstem Frauenmodell. Sie verkörpert die nackte Frau im „Frühstück im Freien“ und die Olympia, aber auch die Frau in „Le Chemins de fer“, die, während ihr Kind die dampfende Lokomotive im Hintergrund bestaunt, überrascht von ihrem Buch aufsieht, als habe sie den Blick des Betrachters erhascht. Victorine ist auch die Sängerin mit Gitarre, die, eine Weintraube essend, aus einem Café kommt, aus dem Bild starrend wie so viele Figuren Manets – eine Passantin, überrascht in der Anonymität der modernen Welt.

Vater der Moderne

Die Ausstellung zeigt Monet als Porträtisten. Er führt Porträtdarstellungen und Genrebilder zusammen, macht Porträtierte zu Akteuren nachgestellter Szenen. In solchen Bildern zwingt er die Momenthaftigkeit der Fotografie und die Monumentalität der Historienmalerei zusammen. Er ist ein Grenzgänger zwischen Alt und Neu, der die Flüchtigkeit des modernen Lebens mit den alten Diskursen der Malerei beschreibt und als Maler traditionelle Solidität und nervöses Pinselbravour gleichermaßen beherrscht. Er ist mindestens so sehr wegen seiner Maltechnik wie wegen seiner Sujets der Vater der Moderne.

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Missratenes Bild einer Lady

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