Ein Komiker ist immer im Dienst
Der Etikettenschwindler

Der multitalentierte britische Komiker Ben Elton bringt den Rockmythos Queen auf die Musicalbühne.

Ben Elton gibt gerne Privatvorstellungen: Immer lustig, immer froh - das ist kein Problem für den preisgekrönten Autor von Bestsellern und Musicals, den Gaglieferanten britischer Kult-Comedy und Teilzeit-Schauspieler mit Regieerfahrung. Denn mit Stand-up-Comedy, der Königsdisziplin der schlagfertigen Schnodderschnauzen, begann der Brite 1980 seine Karriere. Im Londoner „Comedy Store“ war er mit 21 Jahren eine Attraktion, gefürchtet für die Seitenhiebe gegen Maggie Thatcher und für das ratternde Mundwerk.

Die Zeiten der eisernen Lady sind lange vorbei. Eltons Kodderschnauze ist geblieben. Nichts ist ihm heilig, auch die eigenen Produktionen nicht. Jetzt hat das Queen- Musical „We Will Rock You“ Deutschland-Premiere in Köln, ein Welterfolg, für den Elton im Auftrag der Rocklegende Queen das Drehbuch geschrieben hat.

Rund um die Hits der legendären Kultband zimmerte Ben Elton ein Science-Fiction-Märchen, das sich beim „Matrix“-Kult wie der Artus-Sage bedient. Durfte er auch am heiligen Queen-Image kratzen? Aber sicher, sagt Elton. „In einer Szene ist ein Queen-Video aus den 70ern zu sehen. Lange Haare, viel Schminke. Dann sagt einer der Schauspieler: „Hey, wer sind denn diese wunderschönen Mädchen?“ Der immer noch wuschelköpfige Queen-Gitarrist Brian May, einer der Musical-Produzenten, „hatte zwar erst Bedenken, aber dann war es okay“.

Während man sich fragt, wie viele gemeine Witze wohl unter den Tisch fielen, wenn schon dieses harmlose Scherzchen die Mimose im Musiker May weckt, redet Elton selbstsicher dröhnend so lange und pointenreich weiter, bis das unliebsame Thema vom Tisch ist. Eltons alte Stegreif-Reflexe funktionieren immer noch tadellos.

„Komik ist Improvisation. Keine Ahnung, wo sie herkommt. Trifft man den richtigen Punkt, ist es lustig“, sagt er. Eltons Seitenhiebe zielen selten daneben – und sind genau dosiert. Gerade so fest, dass man sie spürt. Aber dezent genug, damit keiner einschnappt. Die Zeiten haben sich geändert. Mit Brille, leichtem Bartschatten und weißem Hemd über der Jeans wirkt der 45-Jährige zwar jungenhaft. Aber das respektlose Aushängeschild der neuen britischen Comedy hat sich längst zum weltweit etablierten Unterhaltungsunternehmer entwickelt.

Seine Heimat ist der Boulevard – egal, ob auf der Bühne, im Kino oder Fernsehen. Die richtige Mischung ist alles. Leicht, aber nicht gehaltlos. Herz-Schmerz, Action und Spannung schaden nicht. Vor allem aber braucht er Lacher. Dafür ist alles erlaubt, was im Rahmen bleibt: bösartige Übertreibungen, brachiale Schenkelklopfer und die ein oder andere Zote, wobei die meisten Briten ziemlich hart im Nehmen sind.

Auf den politischen Barrikaden findet man Elton nicht mehr. Doch seine Gegner sehen in ihm den Tony Blair der britischen Comedy. Einen weich gespülten Etikettenschwindler, der seine linken Ideale für den Erfolg opfert. Und als Elton bei George W. Bushs erster Amtseinführung gesichtet wurde, war er bei den alten Fans endgültig unten durch.

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