Ein Lehrbuch für Führungskräfte
Warum Manager Harry Potter lesen sollten

DÜSSELDORF. Die meisten, in deren Gegenwart ich es erwähne, fragen ungläubig: „Nicht wirklich, oder?“

Doch. Wirklich. Ich lese Harry Potter.

Betone ich dann, dass ich mir den 23. und 24. Juli frei nehme, um in Ruhe den letzten Band der Saga zu genießen, lese ich in den Augen meiner Gegenüber, dass meine Einweisung in eine geschlossene Anstalt eine überlegenswerte Option zu sein scheint.

Manager dagegen müssen sich nie rechtfertigen ob ihrer Lektüre. Obwohl die doch, geht man nach den Bestsellerlisten, von bemerkenswerter Schlichtheit ist. Derzeit zum Beispiel ist „Das Pinguin-Prinzip“ Deutschlands Wirtschafts-Buch Nummer eins. Platz vier: „Das Märchenbuch für Manager. Gute-Nacht-Geschichten für Leitende und Leidende“, Rang sieben belegt „Die Kakerlaken-Strategie“, einen Platz tiefer wird „Fish!“ serviert. Solche Bücher beleidigen die Intelligenz jedes ansatzweise gebildeten Menschen. Hier ein Auszug aus solch einem Werk, „Die Bären-Strategie“ von Lothar Seiwert: „Frau Professor Eusebia Eule, von ihren engsten Verwandten liebevoll ,Prof’ genannt, war wieder einmal die Erste, die an jenem denkwürdigen Morgen am See erschien.“ Es wird auch nicht spannender, als später Huberta Hirschkuh und Beate Biene auftauchen. Auf banalste Art und Weise erzählen die Kleinkinderfabeln für Manager Uralt-Sentenzen wie „In der Ruhe liegt die Kraft“. Gerade so, als ob Entscheider der Wirtschaft mit komplexerer Literatur überfordert wären.

So wie mit Harry Potter, zum Beispiel. Dort sind die Handlungsstränge verwoben, die Sprache selbstironisch, die Wortwahl gewaltig. Sonst würden nicht Millionen Leser über Längen von 600 Seiten und mehr bei der Stange bleiben. Harry Potter ist eine Satire auf unsere Gesellschaft, in einer Reihe mit Charles Dickens und dem „Herrn der Ringe“.

Und zwischen den Zeilen sind die Geschichten aus der Welt der Magier Lehrbücher für Führungskräfte. Denn eigentlich handelt Harry Potter vom Aufstieg eines High Potentials. Jahrelang wird eine Nachwuchsführungskraft von seinem Mentor gehegt und gepflegt, um schließlich als Hoffnungsträger in das Unternehmen, die Zauberschule Hogwards, einzuziehen. Dort wird der Neue kritisch beäugt, wie das halt so ist, wenn der Chef jemand von außen reinholt.

Jeder Karriereratgeber empfiehlt in dieser Situation, sich die richtigen Freunde zu suchen. Auch Harry tut das, instinktiv entscheidet er sich für das Wohnheim Gryffindor, obwohl ihn die zuständige Verteilstelle in Form des Zauberhutes lieber ins karriereorientiertere Slytherin stecken will – eine Wahl, wie sie auch dem Management-Bestseller „Blink“ vom Malcolm Gladwell gefallen hätte, der die Entscheidung aus dem Bauch heraus fördern will. Warum Gryffindor? Klar, die anderen Mitbewohner haben einen höheren emotionalen IQ. Erkennt jeder, der schon mal Daniel Golemans Erfolgsbuch „EQ“ gelesen hat. So geht es weiter, von Lehren für die Fortbildung („Wenn dein Arbeitgeber sie nicht bezahlt, organisiere sie selbst“) bis zum Rat für Gründer („Wenn andere sich für das begeistern, was dich begeistert, könnte das ein Geschäft werden“).

Zugegeben: Es ist beschwerlicher und intellektuell herausfordernder, sich dies zu erarbeiten, als mit seichten Wirtschaftsbestsellern. Und vielleicht ist das der Grund, warum so mancher Manager lieber zu Huberta Hirschkuh greift – während seine Kinder Anspruchsvolleres bevorzugen: Harry Potter.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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