Eine neue Biografie zeigt, wie eng der Versandhauskönig mit den braunen Machthabern zusammenarbeitete
Neckermann und die Nazis

Pionier des Wirtschaftswunders, Olympiagold-Dressurreiter und erfolgreicher Spendensammler für die Deutsche Sporthilfe: "Wenn man einmal seine Biografie gelesen hat", schwärmte vor zwei Jahren noch eine "Dalida" im Internet-Chat über den Versandhauskönig Josef Neckermann, "ist man einfach nur überwältigt." Auch ein weiterer Chatrunden-Teilnehmer schien sich sicher: "Es war ein bemerkenswerter Mann, vor dem man echt Respekt haben muss."

Ein Dritter mit dem Pseudonym "Elfentanz" schloss die Diskussionsrunde mit dem Beitrag: "Ich mag ihn auch sehr." Woher die Sympathie stammte, verriet "Elfentanz" gleich mit: "Ich habe sein Buch ,Erinnerungen? gelesen."

Die Begeisterung über den einstigen Preisbrecher in Handel und Touristik ("Neckermann macht?s möglich") dürfte in diesen Tagen allerdings einen herben Dämpfer abbekommen. Der Frankfurter Campus-Verlag liefert eine neue Familienbiografie unter dem Titel "Die Neckermanns" aus - ein Buch, das schonungslos die Verstrickungen des Versandkönigs in das Nazi-Regime offen legt.

Autor ist der Münchener Journalist Thomas Veszelits, der in der Vergangenheit viel über Kommunikationsthemen und Reiseziele berichtete und mit seiner Neckermann-Biografie Neuland beschritt. Wo es um die Beschreibung betriebswirtschaftlicher Zusammenhänge geht, merkt man ihm das an. Bei der Verknüpfung historischer Fakten mit persönlichen Schicksalen, die aus Interviews mit Neckermanns Nachkommen, Verwandten und Angestellten nachgezeichnet wurden, leistet er aber ganze Arbeit. Anders als Martin Weingart und Harvey T. Rowe, die gemeinsam mit dem Versandhändler kurz vor dessen Tod im Jahr 1992 die "Erinnerungen" auf den Buchmarkt brachten, offenbart der gebürtige Tscheche Veszelits durch viele Details einen Täter des NS-Regimes, keinesfalls nur einen gewieften Mitläufer.

Wie Veszelits belegt, suchte der Würzburger Spross eines angesehenen Kohlenhändlers stets die Nähe zu den NSDAP-Granden, um die eigene Geschäftskarriere zu beschleunigen. Schon im Spätherbst 1933 war der damals 21-jährige Josef Neckermann den SA-Reitern beigetreten, nachdem SA-Stabschef Ernst Röhm für seinen Besuch in der unterfränkischen Residenzstadt einen reitenden Adjutanten gesucht hatte.

In den kommenden Jahren sollte das Anbiedern an die Machthaber Neckermann ganz nach oben bringen - eine Firmenpolitik, mit der die Würzburger Familie laut Veszelits? Recherche schon lange vor und später auch nach dem Dritten Reich gute Geschäfte machte. Bereits Großvater Peter Neckermann hatte als Zentrums-Abgeordneter im Reichstag gesessen, während dessen Sohn Josef Carl zu einem Kohlen-Hauptlieferanten der Reichsbahn aufstieg. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Josef Neckermann auf einen direkten Draht in die Zentren der politischen Macht. Mit Ludwig Erhard etwa traf er sich bereits regelmäßig in einem Lokal neben dem Münchener Hofbräuhaus, wie die neue Biografie enthüllt, als der spätere "Mister Wirtschaftswunder" noch Minister in Bayern war.

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