Elfenbeinkunst
Bewährung für ein verspieltes Ross

Für knapp 297.000 Euro ersteigerte ein deutscher Kunsthändler 2010 in Wien ein Elfenbeinpferd. Später wurde der Kauf wegen Zweifeln rückgängig gemacht. Aus purer Kulanz, wie die Experten des Auktionshauses im Kinsky betonen. Am 9. November 2011 dreht das Kunstkammer-Objekt nun die zweite Runde im Auktionssaal.
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Wien.Die Entzauberung von Sensationspreisen findet meist diskret hinter den Kulissen statt, dann und wann auch in aller Öffentlichkeit. Aktuell etwa im Falle eines Kunstkammerobjekts, das einen unter Experten geführten Disput auslöste, der trotz mehrerer Gutachten nicht beendet scheint. Im Mittelpunkt steht ein aus Elfenbein geschnitztes Pferd ehemals ungarischer Adelsprovenienz. Es wurde dem Vater eines deutschen Privatbesitzers in den 1950er-Jahren als Arzthonorar überlassen.

Im November vergangenen Jahres zierte es den Katalog zur 81. Kinsky-Auktion vom 9. November 2010. Datiert war es in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts und zugeordnet dem Umkreis des kaiserlichen „Kammerbeinstechers“ Matthias Steinl (1643/44-1727). Den ursprünglichen Auftraggeber wähnte man im Umfeld des Wiener Hofes, schlicht weil Elfenbeinarbeiten dieser Güte und jener Zeit nur für einen überschaubaren Personenkreis zu  finanzieren waren. Die im Katalog angeführten Vergleichsbeispiele, von Königen und Kaisern „berittene“ Varianten, stammten aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museums (KHM) in Wien.

Verzehnfachung der Taxe

Am Tag vor der Auktion lagen bereits schriftliche Gebote vor und besichtigte auch Johann Kräftner in Begleitung des Pariser Kunsthändlers Alexis Kugel das Objekt. Letztlich habe er sich mit dem Pferdchen nicht hundertprozentig anfreunden können, erklärt der Direktor der Sammlung des Fürsten von und zu Liechtenstein rückblickend. Aus mehreren Gründen, aber auch wegen der Anatomie. Ästhetisch irgendwie unbefriedigend, so sein finales Urteil. Andernfalls hätte es seinem Beuteschema entsprochen.

Andere waren von der Qualität überzeugt, wie der Verlauf der Auktion deutlich machen sollte. In einem mehrere Minuten dauernden Gefecht unter mehreren Interessenten stiegen die Gebote weit über die angesetzte Taxe von 15.000 bis 30.000 Euro. Ein Saalbieter blieb besonders beharrlich, konkret Achim Neuse, der das exquisite Kunstkammer-Ross mit diskretem Kopfnicken von der Koppel führte. 245.000 Euro hatte der Kunsthändler aus Bremen bewilligt, zuzüglich der Käuferprovision bezahlte er insgesamt 296.750 Euro. Ein sensationeller Preis, berücksichtigt man den ursprünglichen Schätzwert. Folglich mussten Neuse und sein Geschäftspartner Volker Wurster überzeugt gewesen sein, ein Werk des legendären Wiener Barockschnitzers erworben zu haben. Und die Branche vermutete ein baldiges Wiedersehen auf der Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht. Dazu kam es nicht.

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