Ende der Preisbindung
Buchpreise in der Schweiz im freien Fall

Schneller als erwartet sinken in der Schweiz die Buchpreise. Erst vor drei Wochen hatte die Regierung in Bern einen mehr als 15 Jahre währenden Streit zwischen Wettbewerbshütern und Verlagen beendet und die Buchpreisbindung endgültig zu Fall gebracht. Wenige Tage später können die Schweizer bereits Bestseller für deutlich weniger Geld als vorher kaufen.

ZÜRICH. Der Preis für einige Titel ist inzwischen um bis zu 30 Prozent gesunken. Mit dem von der Regierung verordneten Ende der Preisbindung erhalten die Buchhandlungen freie Hand. Die großen Ketten unter ihnen vor allem deutsche Händler reagierten sofort. Als erste preschte die Schweizer Tochter des deutschen Medien- und Versandunternehmens Weltbild vor und schaltete ein Werbe-Banner auf ihrer Website mit der Aufschrift: „Preisbindung aufgehoben! 30 Prozent auf Top-Bestseller.“ Weltbild macht fünf Prozent seines Umsatzes mit deutschen Büchern in der Schweiz. Dass nun auch in Deutschland die Preisbindung schnell fällt, glaubt Unternehmenssprecherin Eva Großkinsky nicht. „Wir werden die Entwicklung aber sehr genau beobachten müssen“, fügt sie hinzu.

Weltbilds Eile lag daran, dass die Vorbereitungen bei der Konkurrenz, die die Preise ebenfalls senken wollte, auf Hochtouren liefen. Einen Tag nach den Deutschen fielen bei Ex Libris, einer Tochter des größten Schweizer Einzelhändlers Migros die Preise bei zwei Dutzend „Top-Bestsellern“. Auch Branchenriese Orell Füssli reduzierte seine Preisvorstellungen umgehend, allerdings verbunden mit dem Hinweis, dass die Händler die Reduzierung bei Bestsellern durch Aufschläge auf weniger gut verkäufliche Ware wieder wettmachen werden.

Der Frankfurter Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht dem Treiben inzwischen etwas hilflos zu. Der Verband hatte über Jahre hinweg versucht, den Fall der Buchpreisbindung in der Schweiz zu verhindern und war zuletzte mit einer Klage dagegen auch in oberster Instanz gescheitert. Hauptgrund für die Deutsche, sich zu engagieren, war, dass die meisten Verlage, die die Schweiz beliefern aus Deutschland stammen und um ihr Geschäft fürchten. Christian Sprang, Justiziar beim Börsenverein, sieht nun „lehrbuchhaft“ das kommen, was der Börsenverein vorausgesagt hat: Erst fallen die Preise für Bestseller, dann steigen sie für schwerer verkäufliche Literatur. Schließlich verschwinden die kleineren Händler, weil sie mit den niedrigeren Margen nicht mehr überleben können. „In einem Jahr wird das durchschnittliche Preisniveau für Bücher in der Schweiz höher sein“, glaubt Sprang.

Bis sich dieser Effekt zeige, so hofft er, kommen nicht „irgendwelche naseweisen Ordnungspolitiker“ auf die Idee, mit Verweis auf die Schweiz auch in Deutschland an der Preisbindung zu rütteln. Spätestens in zwei Jahren, da ist er sicher, werden sich die Nachteile des neuen Schweizer Systems dann bis nach Deutschland herumgesprochen haben. Für deutsche Kunden allerdings, so bliebe hinzuzufügen, könnte es sich lohnen ihre Bestseller in der Schweiz zu kaufen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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