Entartete Kunst
Gurlitts Werke aus Museen sollten als Dokument zusammenbleiben

Andreas Hüneke ist der Nestor der Forschung zur „Entarteten Kunst“. Das Handelsblatt traf ihn zum Gespräch über die Lage der Provenienzforschung und den Fall Gurlitt. Wahrscheinlich tauchen weitere geheim gehaltene Sammlungen auf.
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BerlinMichael Zajonz: Herr Hüneke, in den Diskussionen der letzten Wochen purzelten die Begriffe wild durcheinander: Beutekunst, Raubkunst, verfolgungsbedingt entzogene Kunst, Entartete Kunst. Ich würde von Ihnen gern die Unterschiede zwischen Provenienzforschung und dem, was Sie betreiben, der Forschung zur entarteten Kunst, erfahren.

Andreas Hüneke: In gewisser Weise ist es auch Provenienzforschung, was wir betreiben, wobei wir normalerweise in die andere Richtung gehen. Provenienz heißt ja, wo es herkommt. Wir gehen hingegen davon aus, wo es gewesen ist, und versuchen herauszubekommen, wo es heute ist. Die Entartete Kunst bezeichnet das, was 1937 in deutschen Museen beschlagnahmt worden ist. Dazu ist 1938 auch das Gesetz erlassen worden. Es wird immer wieder einmal fälschlich behauptet, dieses Gesetz wäre auch für die Beschlagnahme von Privatbesitz ursächlich. Im Gesetz steht jedoch ausdrücklich, dass es sich um diejenigen Werke handelt, die 1937 in den Museen beschlagnahmt worden sind. Für alles andere gilt es nicht. Die Werke sind den Museen damals entschädigungslos entzogen worden und nach Möglichkeit über den Kunsthandel verkauft worden. Dieser Eigentumswechsel hat aufgrund eines Rechtsvorgangs stattgefunden und ist  bis heute rechtmäßig.

Ihre Motivation als Forscher ist also eine ganz andere: Es geht nicht darum, Nachkommen oder Erben Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern einen historischen Vorgang zu rekonstruieren?

Es geht darum, Sammlungsgeschichte aufzuarbeiten und Forschungen zum Werk einzelner Künstler zu befördern. 

Wie sind Sie denn persönlich zur Forschung über Entartete Kunst gekommen?

Ich habe mich schon als  Jüngling für die Moderne interessiert, die damals in der DDR noch etwas scheel angesehen wurde. Die Stalinzeit mit ihren Frontalangriffen war zwar vorüber, aber so richtig gern sah man das immer noch nicht. Zu den wenigen Museen, wo Werke der Moderne zu sehen waren, gehörte neben der Ost-Berliner Nationalgalerie die Moritzburg in Halle. Als die dann zu meiner ersten Arbeitsstelle wurde, hat mich interessiert, was dort früher für eine Sammlung gewesen ist. Das wussten die selbst nicht so genau, also fing ich an, danach zu forschen. Im Zentralen Staatsarchiv der DDR in Potsdam gab es die Unterlagen des Reichspropagandaministeriums zur Aktion „Entartete Kunst“. Da habe ich mich nicht nur auf Halle beschränkt, sondern andere Sammlungen mitbearbeitet.

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