Epochale Forschung
Literatur im Bannstrahl des Vatikans

Werke von Heinrich Heine, der Knigge oder Bücher gegen Sklaverei: Dies sind nur wenige Beispiele dafür, welche Literatur in das Zensurverfahren des Vatikan gelangte. Mit Hubert Wolf blickt zum ersten Mal ein Historiker in die Archive der kirchlichen Buchzensoren.

DÜSSELDORF. Hatte Papst Johannes Paul II. immer gerne viele Besucher um sich, am besten schon bei der Frühmesse, ist sein Nachfolger Benedikt XVI. weitaus zurückhaltender. Privataudienzen können als Auszeichnung empfunden werden, zumal wenn der Geladene kein Staatsgast ist.

Am 15. März dieses Jahres wurde einem deutschen Wissenschaftler diese hohe Ehre zuteil. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf überreichte dem Oberhaupt der katholischen Kirche sieben Bände seiner Forschungen zur Buchzensur im Vatikan.

Was zunächst nach trockenem Brot zu schmecken scheint, ist eines der spannendsten Kapitel der Kirchengeschichte überhaupt. Wolf ist es gelungen, die bisher völlig unbekannten Hintergründe kirchlicher Bücherverbote freizulegen. Seine - selten genug ist dieses Wort richtig - epochalen Forschungen bieten erstmals einen Blick hinter die Mauern des Vatikans als jahrhundertelang agierender Zensor.

Wolf belässt es aber nicht bei der wissenschaftlichen Detailarbeit: Der Forscher wendet sich in einem wunderbar lesbaren, kompakt und lebendig geschriebenen Band auch an ein weiteres Publikum. "Index - Der Vatikan und die verbotenen Bücher" birgt alles, was sich Leser wünschen, die am Kirchenstaat in Rom und seinen Geheimnissen interessiert sind. Was Wolfs Buch allerdings von Dan Browns Bestseller "Illuminati" unterscheidet: Hier ist alles wahr. Der Historiker beschreibt, wie es in der Kurie überhaupt zu der Idee kam, Bücher auf den Index zu setzen. Eine Vorgehensweise, die zwar modernen Geschmäckern missfallen mag, zunächst aber durchaus als akzeptiertes Verfahren und als Dienst an der katholischen Gemeinschaft gelten musste.

Wolf gelingt es, die sich allmählich herausbildenden Abläufe nachzuzeichnen, die mit Gutachtern und Beratern an modernes Prozesswesen erinnern. Trotz aller Akribie kommt Wolf den damaligen Akteuren und deren menschlichen Zügen ganz nahe: So schrieb etwa der Berater Luigi Antonio Togni im Jahr 1834, man solle ihm bitte sein handschriftlich erstelltes Gutachten nach Abschrift noch einmal zur Durchsicht geben, da es beim letzten Mal zu peinlichen Fehlern gekommen sei: "Sperma anstatt Spema (=Hoffnung)". Mit einem Augenzwinkern fügt der ehrwürdige Konsultor hinzu: "Was halten Sie davon? Das ist doch eine Sache für das Heilige Offizium!"

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