Erfundene Sammlung
Fälschungen stellen den Kunsthandel bloß

Ein beispielloser Fälschungsskandal hat den Kunsthandel außer Fassung gebracht - und hoffentlich ein wenig klüger gemacht. Betroffen sind die Auktionshäuser Lempertz in Köln und Christie?s in London sowie namhafte Händler in Paris und der Schweiz.
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DÜSSELDORF. Letzte Woche ließ die Staatsanwaltschaft Köln ein Trio festnehmen, das in den vergangenen 17 Jahren mit Geschick und außerordentlicher krimineller Energie sein Unwesen trieb. Es täuschte die Kunstwelt nicht nur mit gefälschten Gemälden aus der Klassischen Moderne, sondern erfand auch eine "Sammlung Werner Jägers". Dafür missbrauchte die systematisch agierende Bande den Namen eines verstorbenen engen Familienangehörigen.

Ermittelt wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft "gegen fünf Personen wegen gewerbsmäßigen, bandenmäßigen Betrugs in fünf Fällen". Nun sitzen die beiden 52 und 57 Jahre alten Enkelinnen Jägers und einer der Ehemänner (59) in Untersuchungshaft, während sich Versteigerer und Kunsthändler die Haare raufen. Leichtgläubigkeit und mangelnde Sorgfalt wird ihnen vorgeworfen.

Dass der Fachwelt die Gemälde unbekannt waren, irritierte die Auktionatoren nicht

Betroffen sind die Auktionshäuser Lempertz in Köln und Christie?s in London sowie namhafte Händler in Paris und der Schweiz. Durch ihre Hände gingen drei der fünf sichergestellten Werke. Nach bisherigen Erkenntnissen kursieren weitere mutmaßliche Fälschungen auf dem Markt, u.a. von Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Max Ernst, André Derain und Fernand Léger. Auch eine zurzeit im Lehmbruck Museum ausgestellte Leihgabe des spanischen Kommunikationsunternehmens Telefónica, ein Werk des polnisch-französischen Kubisten Louis Marcoussis, steht inzwischen unter Verdacht.

Alle Bilder waren zum Zeitpunkt des Verkaufs scheinbar marktfrisch, aber bis zu ihrem Auftauchen ab 1992 der Fachwelt nicht bekannt und nie abgebildet worden. Teilweise wurden sie als Sensationsfunde gefeiert, so wie jenes Gemälde "Rotes Bild mit Pferden", das als Werk Heinrich Campendonks 2006 bei Lempertz für den aufsehenerregenden Rekordpreis von 2,9 Mio. Euro (brutto) verkauft worden war.

Bis vor wenigen Monaten gingen die Ermittler von wenigen Einzelfällen aus. Das rote Pferdebild hatte den Fall ins Rollen gebracht. Ein von seiner Käuferin, der Firma Trasteco Limited, Malta, in Auftrag gegebenes naturwissenschaftliches Gutachten entdeckte nämlich Spuren von Titanweiß auf dem Bild. Das ist ein Farbpigment, das es zum Entstehungszeitpunkt noch gar nicht gab. Daraufhin erhob Rechtsanwältin Friederike Gräfin von Brühl im Namen ihrer Mandantin eine zivilrechtliche Klage gegen das Haus Lempertz. Das ist zwei Jahre her.

Der Schweizer Kunsthändler Wolfgang Henze, der bei Lempertz 2003 einen gefälschten Pechstein erwarb und dann weiterverkaufte, schloss sich nach Angaben der Anwältin erst vor kurzem an. Der Verwalter des Ernst-Ludwig-Kirchner-Nachlasses und Expressionismus-Experte hatte sich offenbar allzu gutgläubig auf die im Katalog ausgewiesene "mündliche Bestätigung" durch den Sohn Pechsteins verlassen.

Die lange Zeit nicht in Zusammenhang gebrachten Einzelfälle haben erst in den letzten Wochen ein zusammenhängendes Bild zugelassen, sagt Anwältin von Brühl. Das dürfte allen Betroffenen zu denken geben, vor allem dem Kunsthandel, der die Quellen seines Wohlstands zukünftig wesentlich sorgfältiger zu prüfen hat.

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