Erscheinung vorgezogen
Grass' Eingeständnis löst heftigen Streit aus

Das überraschende Bekenntnis von Autor Günter Grass (78), in seiner Jugend Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat am Wochenende eine heftige Kontroverse ausgelöst.

hps/doh/HB DÜSSELDORF. So forderte der frühere polnische Präsident Lech Walesa indirekt eine Rückgabe der Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig, dem Geburtsort von Grass. Unter seinen Autorenkollegen löste Grass mit seinem Eingeständnis Verständnis und Kritik aus.

Wirtschaftlich wird der Literaturnobelpreisträger von dem heftigen Streit um seine Vergangenheit in der Nazi-Zeit voraussichtlich profitieren. „Der sicherlich unbewusste Effekt seines späten Bekenntnisses ist, dass die Auflagen seiner Bücher wieder steigen werden“, sagte Claus Larass, früherer stellvertretender Vorstandschef des Printkonzerns Axel Springer, zu dem früher auch der Buchverlag Ullstein gehörte.

Die Weltrechte an Grass’ umfangreichem Werk hält seit 1993 der Steidl Verlag. Das 1968 gegründete, konzernunabhängige Unternehmen vertreibt seine Bücher in mehr als 40 Ländern. Der Göttinger Verlag war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Das späte Bekenntnis zu seiner Vergangenheit in der zehnten SS-Panzerdivision „Frundsberg“ kommt marketingtechnisch zur richtigen Zeit. Denn in der im Steidl-Verlag erscheinenden Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ schreibt Grass erstmals über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Verleger Gerhard Steidl hat den Verkaufsstart des Buches auf Anfang September vorgezogen.

Das 500 Seiten starke Buch behandelt die Zeit vom Kriegsausbruch am 1. September 1939 bis zum Erscheinen von Grass’ Welt-Bestseller „Die Blechtrommel“ (1959). Elf Kapitel hat die Autobiografie, die ersten vier erzählen die Zeit vom Kriegsausbruch bis zum Kriegsende. Im vierten Kapitel – es umfasst etwa 60 Seiten – schildert Grass seine Einberufung, die von Schikanen begleitete Ausbildung bei der Waffen-SS, seine Kriegserlebnisse und seine Todesangst, die ihn im Schlaf noch Jahre später verfolgen wird.

Seine Beweggründe, erst nach mehr als 60 Jahren darüber zu schreiben, hat der Literaturnobelpreisträger in einem ausführlichen Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ geschildert: „Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich.“

Der Hitler-Biograf und NS-Experte Joachim Fest griff Grass an. Er verstehe nicht, „wie sich jemand 60 Jahre lang ständig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Fragen – und dann erst bekennt, dass er selbst tief verstrickt war“, sagte er der „Bild“.

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