Erwin Blumenfeld
Kunst in den Kommerz geschmuggelt

Man kennt ihn durch seine klassisch komponierten Schwarz-Weiß-Fotos. In Frankreich entdeckt der Fotografiefreund jetzt Erwin Blumenfeld und seine farbigen Modeaufnahmen. Ein Novum.
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Chalon-sur-SaôneRasch nach seiner New Yorker Emigration war der in Berlin geborene Fotograf Erwin Blumenfeld (1897 – 1969) bereits der eindeutige „Leader der fantasievollen Fotografie. Noch dazu wurde er am besten bezahlt“, berichtete die „New York Times“ in den 1940er-Jahren. In der Geburtsstadt der Fotografie, in Chalon-sur-Saône, wo Joseph Nicéphore Niépce 1826 die Fotografie erfand, zeigt das „Musée Nicéphore Niépce“ als große Premiere die Farb-Modefotos des „Studio Blumenfeld. New York, 1941-1960“. Dazu einige experimentelle Schwarz-weiß-Fotos von Erwin Blumenfeld.  Die  Ausstellung entstand in Zusammenarbeit des „Musée Nicéphore Niépce“ mit dem Folkwang Museum in Essen und Nadia Blumenfeld-Charbit.

Vier Jahre lang restaurierte das Laboratorium des Chaloner Fotomuseums hundert farbige Modefotos Blumenfelds. Dessen Spezial-Farbfilme, die die früheren Glasplatten ersetzten, waren im Laufe der Jahre verblasst. Sie wurden im Computer bearbeitet, bis ihre Originalfarben wieder hergestellt waren. Blumenfelds Farbfotos bezaubern wegen ihrer Modernität, Originalität, künstlerischen und technischen Perfektion. Da der Fotograf die Filme zwar aufbewahrte, aber keine Abzüge machte, waren bis jetzt nur die veröffentlichten Fotos bekannt. Denn Erwin Blumenfeld schätzte seine kommerzielle Farbfoto-Produktion weniger als seine künstlerischen schwarz-weiß Fotos.

Trend setzende Magazine

Ab 1936 in Paris ansässig, frequentierte Blumenfeld die intellektuelle und künstlerische Avantgarde, die seine schwarz-weiß Fotos der 1930er-Jahre inspirierte. Nebenbei veröffentlichte er erste Modefotos in französischen Zeitschriften, sowie in der legendären Künstlerpublikation „Verve“. Nach der Okkupation durch die Nazis floh Blumenfeld 1941 aus Europa in die USA, wo er rasch reüssierte. Dank seines Sinns für innovative grafische Kompositionen konnte er mit den Trend setzenden Zeitschriften „Vogue“, „Harper's Bazaar“, „Cosmopolitan“, „Life“ und „Look“ arbeiten. Blumenfeld lebte von der kommerziellen Fotografie, beurteilte sie jedoch mit Skepsis. Sarkastisch bemerkte er, er hätte die „Kunst in den Kommerz eingeschmuggelt“.

Grace Kellys ungewöhnliche Pose

Er reduzierte eine Zigaretten-Reklame auf einen sinnlich-roten Frauenmund und den daraus aufsteigenden Rauch. Surrealistisch versah er eine kühle Schöne mit vier Handschuh-Armen. Einem lebenden Nerz verpasste er ein Diamant-Halsband. Eine naiv blickende Melancholikerin hüllte er 1945 „A la Vermeer“ für „Vogue“ in blaue und gelbe Seide. Blumenfeld überredete seine Modelle, darunter Grace Kelly, ungewöhnliche, effektvolle Posen einzunehmen. Schließlich proklamierte er selbstsicher, dass er mit seinen Fotos den „Geschmack von morgen“ präge.

Musée Nicéphore Niépce bis 16.9.2012

Folkwang Museum, Essen: 1.3. – 12.5.2013

Katalog: „Blumenfeld Studio, Couleur, New York, 1941 – 1960“. Steidl, 2012     45 Euro

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