Erwin Wurm
"Das hat nichts mit Verfall zu tun"

Ironie und Humor kennzeichnen das Werk des österreichischen Künstlers Erwin Wurm. Für seine jüngsten Arbeiten fotografierte er Künstlerkollegen ohne Bekleidung. Anschließend verlieh er ihnen mit Hilfe einer Teilübermalung eine neue Identität.
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WienEs war kaum zu übersehen: Der Männerakt hatte im österreichischen Ausstellungsgeschehen schon 2012 Hochkonjunktur. Unter anderem in der jüngst zu Ende gegangenen Gruppenschau „Der Körper als Protest“ in der Albertina in Wien sprang das Thema des entblößten Körper ins Auge. Nun entblättert sich am selben Ort ein nicht unwesentlicher Teil der Wiener Kunstszene jenseits der Fünfzig. Anlass ist die aktuelle Ausstellung des österreichischen Künstlers Erwin Wurm am selben Ort.

Dabei ist keiner der Männer so ganz ohne Hülle. Die Ganzkörperfotos, die sich lose an Posen aus der gotischen Bilderwelt anlehnen, wurden in den privaten Räumlichkeiten der Künstler, Galeristen und Sammler aufgenommen und danach teilweise übermalt. Neben Persönlichkeiten wie Hermann Nitsch, Herbert Brandl und Christian Ludwig Attersee präsentiert sich Wurm auch selbst: Seinen Körper in tänzerisch-koketter Haltung verwandelt eine fleischfarbene Übertünchung in eine etwas dralle Venus.

Angesichts der vielen Männerkörper, deren Träger die Lebensmitte bereits mehrheitlich überschritten haben, fühlte sich Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder bei der Pressekonferenz von „Einsamkeit, Verfall und Hässlichkeit“ bedrängt; einen Eindruck, den der Künstler selbst umgehend in Abrede stellte: „Für mich geht es um den männlichen Körper“, erklärte er, „aber ich bin kein Begräbniskünstler. Das hat nichts mit Verfall zu tun.“

Penis zwischen rosa Pinselstrichen

Freilich besitzt die Darstellung alternder männlicher (Halb-)Akte begrenzten Neuigkeitswert. Man denke nur beispielsweise an die Beliebtheit des Heiligen Hieronymus in der Barockkunst, die ihn stets als Greis darstellt. Dennoch gelingt es Wurm, das Sujet neu aufzufassen, indem er ein beträchtliches Maß an (Selbst)Ironie mitschwingen lässt. Da hat einer seiner Protagonisten eine spitze Nase verpasst bekommen, bei einem anderen guckt frech der Penis zwischen rosa Pinselstrichen hervor, und beim Dritten wird just dessen prachtvoller Bauch von dunkler Farbe umflossen und das nicht zu Versteckende noch extra betont. Nehmt doch nicht alles ganz so ernst, scheinen uns diese Bilder zuzurufen, deren Körper nicht nur vom Alter, sondern auch von einem guten und genussvollen Leben zeugen.

Doch nicht allein Humor prägt Wurms jüngste Fotoarbeiten. Sie sprechen schließlich ebenso von Krisen, von Sorgen des Älterwerdens wie von den Schwierigkeiten, mit dem eigenen Körper und dessen Fährnissen zurechtzukommen. Wurm gab seiner Schau den Untertitel „De Profundis“. Damit bezieht er sich auf einen Psalm, in dem es heißt: „De profundis clamavi ad te Domine“ („Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“). Er kündet von den existenziellen Nöten des menschlichen Daseins.

Als Leidenden freilich betrachtet der Künstler sich selbst und seine Kollegen keineswegs: „Das romantische Vorurteil des leidenden Künstlers, der nur als solcher akzeptiert wird, hat mich immer abgestoßen“, sagt er. Aus eben diesem Grund arbeitet er sich sichtlich an diesem Thema ab, etwa mit seinen Selbstporträts als Christus, die er mit Tinte auf Papier zeichnet.

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