ESC 2012
Baku ist nicht Aserbaidschan

In Baku findet einer Woche der Eurovision Song Contest statt. Der Glanz und Glamour in der Hauptstadt ist für viele Aserbaidschaner allerdings ganz weit weg: Sie kämpfen täglich um ihre Existenz.
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BakuBissig fegt der Wind am Kaspischen Meer um Aserbaidschans neuesten Stolz. Crystal Hall heißt die Arena, die Deutsche für den Eurovision Song Contest (ESC) gebaut haben, in der Stadt der Winde, wie sich Baku übersetzen lässt. Die kantige Membran am Stadion lässt an die japanische Papierfaltkunst Origami denken. Das Bauwerk auf einer Landzunge, die vor kurzem noch eine Militärbasis mit rostenden Kriegsschiffen aus Sowjetzeiten war, ist vor allem Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins dieser öl- und gasreichen Republik.

Gut 20 Jahre nach dem Zerfall des Sowjetimperiums erstrahlt zumindest die Hauptstadt Baku mit ihren zwei Millionen Einwohnern in einem Glanz, der andere Orte im Südkaukasus erblassen lässt. Vor der Arena flattert am höchsten Fahnenmast des Landes das Symbol für die 1991 von Moskau erlangte Unabhängigkeit: die blau-rot-grüne Staatsflagge mit Stern und Halbmond.

Dass das an den Iran grenzende Land islamisch geprägt ist, fällt kaum ins Auge auf den ersten Blick. Auf der hellen Uferpromenade bummeln westlich gekleidete Aserbaidschanerinnen durch die grünen Parkanlagen mit Palmen, Springbrunnen und für hiesige Verhältnisse teuren Cafés.

Der autoritäre Präsident Ilcham Alijew sieht sein Land in Nachbarschaft zur Türkei als Teil von Europa, weltoffen und nach Westen orientiert, obgleich ihm gerade von dort immer wieder scharfe Kritik entgegenschlägt. Aber auch unter Alijews Landsleuten wächst der Frust, weil viele Aserbaidschaner das Gefühl haben, auf der Strecke zu bleiben. Der Reichtum kommt hier nur wenigen zugute.

„Wenn du anders bist, anders denkst, dich nicht mit dem Regime arrangierst, dann wirst du wie ein verrücktes Tier behandelt“, sagt der Musiker Jamal Ali. Der 24-Jährige saß im März zehn Tage im Gefängnis und bezog dort zweimal Prügel, wie er in einem der vielen westlichen Lokale der Stadt erzählt. Er hatte bei einem öffentlichen Konzert Alijews Familie verflucht.

Jamal vergleicht die Stimmung im Land mit Gehirnwäsche - auch durch das vom Staat kontrollierte Fernsehen. Und er sagt, dass er das schlimmste Schimpfwort seiner Sprache noch einmal für Alijews Mutter gebrauchen würde. „Ich kann damit nicht aufhören“, sagt der Künstler, der zerschlissene Jeans trägt. Eine Perspektive? Die sehe er nicht. Schon 30 seiner Freunde seien weg, im Ausland. Auch er hat genug.

Immer wieder prangern die Oppositionsparteien Volksfront und Musawat Menschenrechtsverstöße an: Willkürjustiz und Haft für Andersdenkende, eingeschränkte Meinungs- und Versammlungsfreiheit und Gewalt gegen Journalisten. Vor allem aber treiben Zwangsenteignungen die Menschen auf die Straße zu Protesten, die erst seit kurzem überhaupt erlaubt werden. Viele Einwohner sehen sich teils auf brutale Weise aus ihren Häusern geworfen und ungerecht entschädigt.

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