Europäische Autoren über China
Von Gullideckeln und der „Pax Sinensis“

Vor drei Jahren verschwanden überall auf der Welt die Gullydeckel der Kanalisation. Kurz darauf tauchten sie wieder auf: in den Eisen- und Stahlwerken des rohstoffhungrigen China. Da die Verlage offensichtlich auch von Chinas Boom profitieren wollen, reißt die Kette der Neuerscheinungen zum Reich der Mitte nicht ab.

HB DÜSSELDORF. Der Brite James Kynge, langjähriger Leiter des Pekinger Büros der "Financial Times", machte im Stile eines rasenden Reporters eine furiose Reise um die Welt, bei der er mehr als zehn Orte in China und außerhalb besuchte. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die chinesische Konkurrenz auf die Industrie Europas und der USA auswirkt: Zum Beispiel in Dortmund, wo ein chinesisches Unternehmen gleich ein ganzes Stahlwerk abmontierte und an der Mündung des Yangtse wieder aufbaute. Er war im italienischen Prato, dessen Textilindustrie unter der chinesischen Konkurrenz leidet, nachdem man dort jahrelang von der billigen Arbeit chinesischer Immigranten profitiert hatte. Nun sind aber selbst diese zu teuer im Vergleich mit den Löhnen in China.

Schließlich reiste Kynge nach Rockford in den USA, dessen mittelständische Maschinenbauindustrie der chinesischen Konkurrenz hilflos ausgeliefert scheint und verzweifelt nach dem Staat ruft. Der verabreicht lediglich Placebos in Form unverbindlicher Versprechen. Denn: In den USA ist die Lobby der Industrie- und Handelsbranchen stärker, die von den billigen chinesischen (Vor)-Produkten profitieren: global agierende Großunternehmen und Handelsriesen wie Wal-Mart.

Die Erklärung Kynges für die aggressive Exportstrategie chinesischer Unternehmen ist überraschend: Sie fliehen auf die Exportmärkte, um noch einträgliche Gewinnmargen zu erzielen. Denn sie, die bei den westlichen Firmen schamlos abkupfern, leiden nun ihrerseits darunter, dass kleinere einheimische Betriebe in kürzester Zeit noch billigere Kopien ihrer Kopien anbieten. Die chinesische Regierung unternimmt aus Rücksicht auf die Arbeitsplätze in diesem illegalen Sektor nichts gegen den Diebstahl geistigen Eigentums - obwohl sie nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation dazu verpflichtet ist.

Seine ganz speziellen Erfahrungen mit dem unterentwickelten Rechtsstaat machte auch Oliver August, Korrespondent der Londoner "Times" in Peking, während seiner sechsjährigen Suche nach Lai Changxing, einem typischen Aufsteiger aus der Provinz, der auf dubiose Art zu schnellem Reichtum gelangte. Lai, der seit 1999 wegen Schmuggels im Umfang von mehr als sechs Milliarden Dollar gesucht wurde und schließlich in Kanada um politisches Asyl nachsuchte, ist als Person eher langweilig. Faszinierend und gruselig sind Augusts Erfahrungen bei seinen legalen und illegalen Reisen auf den Spuren Lais. Immer wieder traf er auf unterschiedliche Spielarten der Korruption, die die chinesische Wirtschaft vergiftet.

Verantwortlich dafür ist in Augusts Augen der Staat, der seine Bürger zwar ermutigt, sich immer mehr Freiheiten herauszunehmen, deren Handeln jedoch gesetzlich nicht absichert. Ein Gesetz, wonach Privatunternehmen nicht mehr als acht Beschäftigte haben durften, blieb jahrelang formell in Kraft, obwohl es nicht mehr angewendet wurde. Das Damoklesschwert schwebte aber ständig über den Privatunternehmern. Diese gewöhnten sich daran, die Beamten vor Ort, deren Willkür sie ausgeliefert sind, zu schmieren.

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