Europäische Möbel
Geschmackswandel bei historischen Möbeln

Ob Aufsatzkommode, Rokokotisch oder Schreibschrank - viele Möbel aus dem 18. Jahrhundert sind heute für vernünftige Preise zu kaufen. Denn den Stil- oder Epochenkäufer gibt es nicht mehr. Was zählt ist das außergewöhnliche Einzelstück. Gefragt sind nicht mehr überladene Prunkmöbel, sondern eher gerade Formen. Weniger Glanz, mehr Patina. Ein Preisüberblick.

Seit Beginn dieses Jahrzehnts erlebt der Markt für europäische Möbel eine strenge Selektion und unstete Preisentwicklung. Für historische Möbel aus Deutschland, Italien, Skandinavien, Russland gilt dasselbe wie für Werke der französischen Möbelkunst: Es gibt kaum noch Stil- oder Epochenkäufer, was allenfalls zählt, ist das exzeptionelle Einzelstück edler Provenienz. Bei weniger gut Betuchten sind nicht barocke, sondern gerade Formen, sparsame Dekoration, mehr Patina als Glanz gefragt.

Vorbei sind die Tage, in denen die Aufsatzvitrine aus Lüttich das Meissener Porzellan umschloss und über der mainfränkischen Kommode der niederländische Kleinmeister hing. Heute muss das sogenannte "antike Möbel" mit allen Teilen einer polyphonen Einrichtung kompatibel sein. Gemäß dieser Entwicklung zeigt sich in den Marktpreisen der letzten zehn Jahre wenig Mut und viel Verzicht. Am stärksten Federn lassen mussten die einstigen Könige des Marktes: die meist in Nussbaumholz gearbeiteten dreiteiligen "Cantourgen"-Schreibschränke des Mainzer Rokoko. Ihre Preise hatten sich gegen Ende der 80er-Jahre schlagartig verdoppelt.

Zu den Topstücken dieser Epoche gehört jenes dem Mainzer Tischler Johann Philipp Raab zugeschriebene Möbel, das Albrecht Neuhaus auf der Westdeutschen Kunstmesse 1990 für 1,1 Mio. DM anbot. Noch 1997 verlangte der rheinische Möbelspezialist Thomas Schmitz-Avila für ein etwas später entstandenes bauchiges Exemplar, das fünf Jahre vorher bei Christie's durchgefallen war, 880 000 DM. Heute gibt keiner mehr 300 000 Euro für ein Ausnahmestück, und in Auktionen von Zürich bis London fallen die meisten Möbel dieses Typus durch (zuletzt im Juli bei Sotheby's).

Bei den mit geschweiften Zargen dekorierten mainfränkischen Kommoden ist der Preisverfall noch größer. Das aufwendig intarsierte Exemplar, das im Juli 2008 bei Ruef in München versteigert wurde, erlöste netto 31 000 Euro. Es war das Gegenstück zu einer Kommode, die A. Neuhaus schon 1978 für 90 000 DM angeboten hatte.

Wer sich für deutsche Möbel des 18. Jahrhunderts begeistert, findet heute ein breites Repertoire zu vernünftigen Notierungen. Vor allem Beispiele ostdeutscher und Berlin-Potsdamer Werkstätten, deren Preise kurz nach der Wiedervereinigung explodierten, sind nicht mehr Kinder der Spekulation. Möbel des Potsdamer und Münchener Rokoko sind in unregelmäßigen Abständen in den Züricher Koller-Auktionen zu finden. Eines der wichtigsten Stücke ist ein goldgefasster Rokokotisch mit Marmorplatte, der laut Inventaretikett aus den Beständen des Neuen Palais in Potsdam stammte. Das Gardemöbel, im Dezember 2008 bei Koller auf mindestens 280 000 sfr geschätzt, wurde für brutto 188 670 sfr zugeschlagen.

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