Eurovision Song Contest
Ein klein bisschen Frieden

Favoritensterben in Düsseldorf: welche Interpreten das erste ESC-Halbfinale als Sieger verlassen durften, überraschte am Ende manchen Experten. Leise Töne konnten sich nicht durchsetzen - bis auf eine Ausnahme.
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DüsseldorfNein, man sende nicht aus Kasachstan, knurrte der altgediente Grand-Prix-Kommentator Peter Urban, als am Dienstagabend im ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest plötzlich der Ton ausfiel. Auch Lena, die das Geschehen für das schweizerische Fernsehen kommentierte, blieb nichts anderes übrig, als zum Telefon zu greifen.

„Das darf 2011 echt nicht passieren“, fügte Urban nach der Sendung hinzu. Zumindest muss man nun nicht mehr befürchten, dass den Deutschen in der englischen Presse wieder kalte Effizienz nachgesagt wird. Das ist einfach die neue „German Lockerheit“, so muss man das sehen. Konsensmeinung ist allerdings, dass sich die „Monsterpanne“ (Moderator Matthias Opdenhövel) im zweiten Halbfinale nicht wiederholen darf.

Von der Tonstörung waren mehr als zehn Länder betroffen. Die genaue Zahl konnte noch nicht ermittelt werden, wie es am Mittwoch bei einer Pressekonferenz der Verantwortlichen des Eurovision Song Contest (ESC) in Düsseldorf hieß. Die bisher bekannten Länder wurden noch nicht genannt.

Das Ergebnis des Halbfinales sei durch die technische Panne aber nicht anfechtbar, betonte der Executive Supervisor der European Broadcasting Union (EBU), Jon Ola Sand. Die Abstimmung sei von den Tonproblemen nicht betroffen gewesen, fügte er hinzu.

Die Dauer der Störung war den Angaben zufolge in den betroffenen Ländern unterschiedlich lang. In Deutschland waren es etwa 20 Minuten. Gestört war die Verbindung zwischen den Kommentatorenkabinen und dem System, das das Audio-Signal durch die Telefonnetze in die entsprechenden Länder schickt.

Der ARD-ESC-Teamchef Thomas Schreiber entschuldigte sich bei den Zuschauern in den betroffenen Ländern und den Kommentatoren. Die am Montag erfolgten Tests seien problemlos verlaufen, fügte er hinzu. Am Mittwochabend sollte das überarbeitete System einer Art „Stresstest“ unterzogen werden. Quotenmäßig verlief der Start in den Eurovision Song Contest in Deutschland recht unauffällig: 2,05 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 7,9 Prozent) verfolgten die Übertragung. Mit dieser Quote lag ProSieben hinter der ARD, RTL, Sat.1 und ZDF.

Weitere Überraschung: Mehrere Favoriten sind schon draußen, bevor es überhaupt richtig angefangen hat. Rausgeflogen sind unter anderem Norwegen („Haba Haba“), Armenien („Boom Boom“) und auch die Türkei. Mancher Experte fasst dies als persönliche Beleidigung auf und schimpft jetzt auf die Kulturlosigkeit von Juroren und Zuschauern, die je zur Hälfte entschieden hatten, wer weiterkommt.

Eine gute Figur machten die Schweizerin Anna Rossinelli mit einem Stück handgemachter Musik und die Serbin Nina, die es wagte, in ihrer eigenen Sprache statt auf Englisch zu singen. Der Finne Axel Ehnström alias Paradise Oskar, der mit seiner Gitarre und einem Hemd aus recycelten Altkleidern wie eine „männliche Nicole“ (Grand-Prix-Experte Jan Feddersen) rüberkam, wusste die Düsseldorfer Arena zu begeistern. Den Einzug ins Finale schafften außerdem Litauen, Griechenland, Aserbaidschan, Georgien, Ungarn, Russland und Island.

Ruhige Töne wurden dabei meist vergeblich gesucht, die meisten Nummern gingen ein hohes Tempo. Litauen holte mit einer Extraportion Schmalz und Pomp viele Stimmen, die finnische Version von James Blunt überzeugte mit seiner ruhigen Ballade. Ein Anhaltspunkt, dass die deutsche Entscheidung, Lena nicht die Ballade „Push Forward“ singen zu lassen, richtig gewesen sein dürfte. Georgien ließ es dafür richtig krachen, schaffte es mit schwerem Rock überraschend ins Finale. Der Türkei war dies mit ähnlichem Konzept nicht geglückt. Überraschend auch, dass Island trotz ansprechender Darbietung und rührender Hintergrundgeschichte bis zuletzt um den Einzug ins Finale bangen musste.

Die Gute-Laune-Nummer „Coming Home“ der Gruppe Sigurjón’s Friends ist dem Songwriter gewidmet, der kurz vor der Endausscheidung überraschend verstarb. Sigurjón Brink sollte den Song sogar selbst vortragen - das übernehmen nun seine Musikkollegen. Und die Komposition fällt zwischen einigen arg plastisch wirkenden Stücken zumindest auf. Apropos auffällig: zahlreiche Stücke der weitgehend unbekannten Interpreten erinnern an berühmte Vorbilder.

Am Donnerstagabend steht schon das zweite Halbfinale bevor, dann hat der Topfavorit Jedward aus Irland seinen Auftritt mit „Lipstick“. Lena hat die eineiigen Zwillinge mit der Riesentolle bereits auf ihrem Hotelzimmer besucht, um dort mit ihnen auf den Bettmatratzen rumzuhüpfen. Man muss bedenken, dass die meisten Kulturschaffenden dieses Events noch nicht lange volljährig sind.

Im zweiten Halbfinale werden noch mal zehn Teilnehmer ausgewählt. Die Deutschen haben ihren Platz bereits sicher, „weil die am meisten Kohle zahlen, das ist wie in der Europäischen Union“ (Comedian Kaya Yanar). Erwarten darf man wieder eine perfekte Bühnenshow mit Knalleffekten, Kulissenblitz und großem Rauch, wobei natürlich das Lena-Wort gilt: „Beim Hören muss es stimmen.“

Eine Überraschung der ersten Halbfinal-Show war übrigens auch das zurückhaltende Auftreten von Stefan Raab (44). Des Widerspenstigen Zähmung hat wohl etwas mit der englischen Sprache zu tun, in der er nicht so zu Hause ist. Wenn Raab zuvor behauptet hatte, er werde auf der großen Düsseldorfer Bühne einfach das abziehen, was er jeden Abend bei „TV Total“ mache, so war das reine Prahlerei: Über ein paar auswendig gelernte Kalauer kam er nicht hinaus.

Judith Rakers (35) wirkte souverän, aber auch distanziert - typisch „Tagesschau“ eben. Auftrumpfen konnte Anke Engelke (45), die locker in drei Sprachen parlierte und dabei sogar noch einen spontanen Witz hinbekam: „Halbzeit as we say in German, which means Halbzeit.“

Lena schmiedet unterdessen schon Pläne für nach dem Grand Prix. Zu ihrem Geburtstag am 23. Mai bekommt sie einen Hund, um den sie sich dann kümmern kann, einen Bolonka Zwetna namens Fuzi, „ganz klein und weiß und kuschelig“. Außerdem erwäge sie ein geisteswissenschaftliches Studium, sagte sie am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa, zum Beispiel Theologie: „Ich finde das total interessant - irgendwas mit Religion oder so.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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