Evolutionsroman
Auf der Suche nach Ursprung, Sinn und Glück des Menschen

Versteinerte Knochen, alte Steine, Zeugen uralter Zeit, Millionen von Jahren in Schlamm und Lehmschichten versteckt. Fundstücke – schmutzig, dumpf, tot. Und doch wertvoll, vielsagend, faszinierend und voller lebendiger Geschichten. In ihrem Evolutionsroman "Eden" zeigt Sibylle Knauss am Beispiel der britischen Archäologin Mary Leakey, dass das Leben der Vormenschen uns alle angeht.

DÜSSELDORF. Wer sich einmal der Leidenschaft der Archäologie und dem unbeschreiblichen Glücksgefühl, das eine Entdeckung auslöst, vermochte hinzugeben, wird verstehen, warum die Britin Mary Leakey (1913-1996) ein außergewöhnliches Leben führte. Eine Frau, die Prähistorie im Blut hatte. Eine Frau, die leidenschaftlich liebte. Eine Wissenschaftlerin, die heute als eine der besten auf ihrem Gebiet gilt.

Der Schriftstellerin Sibylle Knauss ist es zu verdanken, dass diese phänomenale Paläoanthropologin pünktlich zum Darwin-Jahr wiederentdeckt werden kann. In ihrem vielschichtigen Evolutionsroman, der am Montag erscheint, führt sie poesievoll den Leser nicht nur auf die Spuren der großen Wissenschaftlerin Leakey in Kenia und Tansania, sondern spürt auch zentrale Themen des Lebens auf: die Frage nach Ursprung, Sinn und Glück der Gattung Mensch.

Der Roman besitzt zwei Handlungsstränge, die das Heute mit dem Gestern vor Millionen von Jahren verbinden. Zum einen geht es um Leakeys Leidenschaft für die Archäologie und die schwierige Beziehung zu ihrem zehn Jahre älteren Ehemann Louis. Wie Mary war er Archäologe, allerdings berühmter und ständig untreu. In der zweiten Erzählebene entwickelt Knauss die mögliche Geschichte der Vormenschen – inspiriert durch die tatsächlichen Funde Mary Leakeys 1978 in Laetoli in Tansania: die Fußspuren zweier aufrecht nebeneinander laufender Hominiden – 3,5 Millionen Jahre alt.

„Das ist es. Das ist es, Mary, was wir immer gesucht haben. Die Familie. Dreieinhalb Millionen Jahre alt“, sagt Louis zu seiner Frau. Ein zentraler Satz, der nicht nur zeigt, dass die Suche der Leakeys nach dem Vormenschen das Geheimnis der Schöpfung und der Geburt des Menschen lüften soll, sondern dass diese Suche auch immer eine Suche nach sich selbst ist: Zwar gründen Louis und Mary eine Familie, doch mit Leben füllen können sie sie nicht. Die große Sehnsucht nach Harmonie bleibt aufgrund der ehrgeizigen beruflichen Interessen, die kein Privatleben zulassen, ungestillt.

Familie findet die Archäologin schließlich bei den Vormenschen. Was an den Fundstätten Afrikas „vor ihr lag, das war die Welt, die sie mit Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus und allen anderen teilte, die hier gelebt hatten“, heißt es. Mary Leakey faszinierte der Gedanke „an die äonenlange Gleichgültigkeit dieser Welt, die dieselbe blieb, während die Wesen, die sie bewohnten, von ihr verschwanden und neue auftauchten, die sich an die verschwundenen nicht mehr erinnerten und Millionen Jahre nach ihnen sich plötzlich bückten und etwas in der Hand hielten, einen Stein, einen Backenzahn, einen Teil von einem Hüftknochen oder Schädel, die dem, woraus wir gemacht sind, hinreichend ähnlich sind.“„Eden“ ist nicht das Paradies. Es zeigt die Schöpfung der Welt, die in dem Kontinuum ihres unendlichen Werdens den Menschen zu einer Gattung von vielen macht. Der kluge und sinnliche Roman verdeutlicht durch die Verwebung von gestern und heute, dass der Blick zurück hilft, die Eitelkeit der Gegenwart zu überwinden.

SIBYLLE KNAUSSEden

Hoffmann und Campe
Hamburg 2009
384 Seiten
22 Euro

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