Expressionismus
Die Lieblingsmodelle der Brücke-Maler

Die Brücke-Künstler verzichteten auf Berufsmodelle. Unverbildete Natürlichkeit fanden sie in Nachbarskindern, die sie mit wenigen Strichen porträtierten. Eine Ausstellung erforscht jetzt „Fränzi und Marcella“.
  • 0

Sie machen Kopfstand, dösen auf dem Sofa oder sitzen da, die Knie unterm Kinn. Mal tanzen sie, spielen mit einer Puppe oder kauern gedankenverloren auf dem Boden. Auf Skizzen, Aquarellen und Ölbildern, die die Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein in den Jahren 1909 und 1910 in ihren Dresdner Ateliers und bei Ausflügen an die Moritzburger Seen anfertigten, dominieren mehrere Mädchen die Szenerie. Es sind ganz offensichtlich Mädchen verschiedenen Alters. Eines ist noch ganz Kind, ein anderes ist schon etwas älter, weiblicher, nicht mehr ganz so kindlich.

Jahrzehntelang rätselten Kunsthistoriker über die Identität dieser Lieblingsmodelle, die die Berufsmodelle verdrängt hatten. Mal galten die Minderjährigen als Schwestern, mal Marcella als Artistin. Dann wurden die Zuordnungen von Bildern und Identitäten wieder völlig neu gemischt. Nicht einmal über die Anzahl der von den Malern dargestellten Mädchen konnte Einigkeit erzielt werden. Erst jüngste Forschungen haben jetzt Klarheit über die Identität der jugendlichen Brücke-Modelle ergeben. Zu besichtigen sind die Ergebnisse jetzt in der Sonderausstellung „Der Blick auf Fränzi und Marcella“, die nach der Auftaktstation im Sprengel Museum Hannover nun verkleinert im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale gezeigt wird. Ein umfangreicher Katalog stellt die Forschungsergebnisse in anschaulicher Form vor. Den Schwerpunkt der Präsentation in Halle bilden Werke aus der Sammlung Gerlinger, die sich als Dauerleihgabe in der Moritzburg befindet und einen grandiosen Schatz an Brücke-Werken bietet, dessen Ausmaße in solchen Ausstellungen in Teilen erkennbar wird.

Tochter eines Heizers

Wer waren also Fränzi und Marcella? Wer sich die Bilder aus dieser frühen Brücke-Zeit anschaut, findet immer wieder Darstellungen eines unbekümmerten Mädchens mit leicht dreieckiger Kopfform und mandelförmigen Augen. Besonders bei Kirchner taucht dieses Modell immer wieder auf, in raschen Skizzen, die in wenigen Sekunden mit sicherem Bleistift aufs Blatt geworfen wurden, bis zu ausgearbeiteten Ölbildern. Der Name Fränzi ist dabei in mehreren Bildtiteln überliefert. Es gibt sogar ein Schwarzweiß-Foto, das Kirchner 1910 von dem Mädchen gemacht hat. Lina Franziska Fehrmann ist dies gewesen, geboren im Oktober 1900 in Dresden als Tochter eines Heizers und Maschinisten. Sie war eines von zwölf Kindern in der Familie. Über ihr späteres Leben ist wenig bekannt – der Zweite Weltkrieg hat in Dresden viele Akten vernichtet, erhalten sind nur Kirchenbücher. Und im Zeitalter vor dem Internet beschränken sich die erhaltenen Daten über „einfache Menschen“ in der Regel auf Geburts-, Heirats- und Sterbedaten. So weiß man nur, dass Fränzi selbst zweimal geheiratet hat und bereits 1948 starb.

Fund im Taufregister

Noch weniger bekannt ist über das zweite, deutlich ältere Mädchen auf den Brücke-Bildern dieser Jahre. Den für die Forscher entscheidenden Hinweis gab die gelegentliche Erwähnung des Vornamen Marcella oder Marzella auf Postkarten sowie in einem Bildtitel von Kirchner in einem alten Galeriekatalog. Der Name ist ungewöhnlich, und so durchkämmten die Forscher die erhaltenen kirchlichen Taufregister in Dresden für die in Frage kommenden Jahrgänge nach diesem Namen – mit Erfolg: Unter etwa 14.000 Eintragungen für die Geburtsjahre 1895 bis 1899 fand sich ein einziger mit diesem italienisch klingenden Namen. Marcella Albertine Olga Sprentzel, geboren im Dezember 1895 in Dresden-Antonstadt, als viertes Kind eines Oberpostassistenten, dessen Wohnung in den Jahren 1908 bis 1911 nur einen Steinwurf entfernt von Kirchners Atelier in der Berlinerstraße lag. Treffer!

Seite 1:

Die Lieblingsmodelle der Brücke-Maler

Seite 2:

Kommentare zu " Expressionismus: Die Lieblingsmodelle der Brücke-Maler"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%