Expressivität um 1500
Entfesselungskünste in der Dürerzeit

Mit außergewöhnlichen Perspektiven und einer drastischen Bildsprache wissen bereits die Künstler der Dürerzeit die Betrachter in den Bann zu ziehen. Einer ihrer kreativsten Köpfe ist Albrecht Altdorfer.
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Das Expressive in der Kunst ist ein enger und zugleich dehnbarer Begriff. Wenn jetzt das Frankfurter Städel Museum eine Ausstellung mit dem Untertitel „Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500“ zeigt, so widmet sie sich Werken, die kraft ihrer Experimentierfreude und ihres gesteigerten Formbewusstseins ins Visionäre hinüberwachsen. Den Künstlern, die hier versammelt sind, geht es weniger um korrekte Anatomie, ausgewogene Komposition, Idealbilder. Sie wollen durch außergewöhnliche Perspektiven, eine drastische Bildsprache und virtuose Manier den Betrachter irritieren und ins Kunstwerk hineinziehen. Nicht klassisches Ebenmaß, sondern Pathos und fesselnde Bildinszenierung sind gefragt.

Die Ausstellung knüpft an die erfolgreiche Dürer-Schau des Hauses zum Jahreswechsel 2013/14 an. Folglich beginnt sie auch mit Dürer, der mit seiner Graphik einen allumfassenden Einfluss auf die Künstler seiner Epoche hatte. Ausgangspunkt sind der heraldische Kupferstich „Adam und Eva“, den der in Passau tätige und bislang nur durch sein Monogramm bekannte Bildschnitzer „Meister IP“ in ein Relief in Birnbaumholz umsetzt. In ihm erscheint die Figur des Adam nicht frontal, sondern gedreht. Raumtiefe wird in dieser Feinschnitzerei durch perspektivisch angelegte Felspartien und durch einen angehobenen Baum suggeriert.

„Schräge“ Ansichten

Neben Albrecht Altdorfer, der, wie Zeichnungen belegen, auch von Dürer beeinflusst ist, ist der um 1490 bis 1530 tätige Meister IP der Protagonist dieser Schau. Aus dem monumentalen Johannesaltar der Prager Pfarrkirche „Unserer Lieben Frau auf dem Teyn“ kamen Hauptteile nach Frankfurt. Im Zentrum steht die Taufe Christi, dessen muskulöser Körper auf Mantegna und Dürer zurückgreift. In der Kreuzigungsszene des Turmaufbaus sind die Körper der beiden Schächer konvulsivisch gedreht, was der Sterbeszene mit der einsam trauernden Maria eine dramatische Steigerung gibt.

Solch „schräge“ Ansichten geben vielen Werken der Epoche, die die Passionsgeschichte behandeln, einen emotionalen Charakter. Altdorfer und Lucas Cranach sprengen die Konventionen, indem sie die Schächer zum Teil in Rückenansicht zeigen und den Ausdruck des Geschunden-Seins detailliert betonen.

Leider wurde Altdorfers „Kreuzigung“ aus dem germanischen Nationalmuseum Nürnberg, ein Schlüsselwerk, in dem eine Trauerszene im Vordergrund rechts den Affekt steigert, in letzter Minute als Leihgabe abgesagt. Stattdessen werden vor allem Zeichnungen und eine „Kreuzigung“ des in Leipzig tätigen Georg Lemberger präsentiert, die in eine baumreiche Landschaft gestellt ist. Ornamentale Vegetation überwuchert die mit dem Alten und Neuen Testament verknüpfte Leidensgeschichte, die mit ihren systematisch verteilten Lichtzonen zur Heilsgeschichte wird.

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